Ira Atari – Moment

Unser Albumtipp

Ira Atari hat sich klammheimlich zu einem Geheimtipp in der deutschen Elektro-Pop-Szene gemausert. Nach dem Erfolg der 2014 erschienenen EP „Heroes“ wartet die Kasselerin Ira Göbel nun mit einem kompletten Album auf. Dies geschieht mit tatkräftiger Unterstützung, denn Ira Atari ist längst kein Soloprojekt mehr.

Von Florian Fabozzi

Manchmal sind es Zufälle wie diese, die den Weg für eine ganze Karriere ebnen: Eines Abends kamen die Sängerin Ira Göbel und der Schlagzeuger Bernhard Raser ins beliebte „Rockhouse“ nach Salzburg, um dort ihre Projekte dem Publikum zu präsentieren. Dass sich zwei Künstler auf derselben Veranstaltung über den Weg laufen, ist wahrlich keine Erwähnung wert. Dass sich zwei Künstler über den Weg laufen, sich auf Anhieb so gut verstehen und entschließen, fortan zusammenzuarbeiten – das ist im Musikgeschäft besonders. Genau dies ist aber die Geschichte von Ira Göbel und Bernhard Raser, die seither kaum voneinander zu trennen sind. Was diese Story erst zu einer besonders beliebten und häufig erzählten Anekdote macht, ist der Tag dieses Zusammentreffens: Es war der 12.12.2012…

Bereits vor dem Zusammenschluss mit Bernhard Raser war Ira Göbel unter den Pseudonym „Ira Atari“ bekannt. Die Wandlung vom Solo-Projekt zum Duo-Projekt hatte also keine Veränderung des Künstlernamens zur Folge. Eine Veränderung des musikalischen Stils ist allerdings nicht von der Hand zu weisen und das verdeutlicht das neue Album „Moment“. Es ist das erste gemeinsame Album des Duos und für beide ein ganz Besonderes. Während vorherige Ira Atari-Alben wie z.B. das 2011 erschienene „Shift“ eher laut, verspielt und etwas schrill daherkamen, macht „Moment“ einen ruhigeren, sanfteren und reiferen Eindruck. „Ira Atari“ hat musikalisch ein wenig aufs Bremspedal getreten, ohne aber ihren typischen stimmungsvollen Elektrosound aufzugeben.

Elektro-Melancholie mit Botschaft

Fast alle Songs in „Moment“ werden von einer subtilen Melancholie begleitet, die aber nie in Schwermut umschlägt. Eher bewahren die meisten Lieder eine angenehme sphärische Leichtigkeit, die von Iras hohen und unverwechselbaren Stimme unterstützt werden. Viele Stücke regen einerseits zum Nachdenken an, laden aber andererseits zum Tanzen ein, was insbesondere an den eingängigen Synth-Melodien liegt. Alle zehn Songs stehen für sich und sind auf ihre eigene Weise interessant. Stilistisch ist Ira Atari’s „Moment“ am ehesten mit den Alben der schwedischen Sängerin Lykke Li („I Follow Rivers“) zu vergleichen. Es bietet zeitgemäßen und modernen Elektro-Pop und bedient sich dabei bei vielen anderen Genres. Ob House, Dance, Dreampop oder R’n’B – das Duo beweist mit dem Album seine Experimentierfreudigkeit und schreckt vor Innovationen nicht zurück.

Bei näherer Betrachtung bemerkt man, dass es bei den Songs von „Moment“ um viel mehr geht als nur um eingängige und tanzbare Melodien. Viele Lieder vermitteln eine Botschaft und kritisieren gesellschaftliche Missstände. „Monday“, ein peppiger Pop-Hit, der gut ins Ohr geht, kritisiert den Alltagstrott und den gesellschaftlichen Zwang, immer „Leistung“ bringen zu müssen, wohingegen für Spaß und Freude nur am Wochenende Zeit sei. Ein Thema, mit dem sich nicht wenige Zuhörer identifizieren können. Das Lied „In Chains“ nimmt sich einem weniger zugänglichen Thema an: Es kritisiert, ohne sie beim Namen zu nennen, die Musikindustrie, und wirft ihr Ausbeutung vor. Der Name Ira Atari steht eben auch für klare Statements.

Manchmal zu brav und vorhersehbar

Die Leichtigkeit und subtile Schönheit, die entspannend und zugleich auch antreibend wirken kann, ist eine der großen Qualitäten des Albums. Trotzdem würde man sich an der einen oder anderen Stelle einen Schuss mehr Explosivität wünschen. Der Abschlusssong „Lost“ versprüht zumindest einen Hauch davon, die anderen Songs verzichten auf laute Beats. Gerade in einem Album mit vielen ruhigeren Stücke würden ein, zwei energiegeladene Songs einen interessanten Kontrast erzeugen. Kompositorisch ist „Moment“ kein ganz ausgereiftes Album. Ein paar Lieder klingen sehr nach „Schema F“ und greifen auf vorhersehbare Melodien zurück. Das durchweg gute musikalische Arrangement schafft es jedoch, die Schwächen zu kaschieren.

Fans des gediegenen Synth-Pops ist der Kauf von „Moment“ wärmstens zu empfehlen. Selbst jene Zuhörer, bei denen sich schon beim bloßen Anblick des Begriffs „Synth-Pop“ die Nackenhaare aufstellen, dürfen dem Album gerne eine Chance geben. Durch seinen unaufdringlichen Charakter stellt es für genrefremde Personen ein gutes Einstiegsalbum dar. Im Vergleich zu älteren Ira Atari-Alben ist „Moment“ sehr massenkompatibel und hat das Zeug dazu, ein breites Publikum zu begeistern.
„Moment“ ist zum Preis von 13,99 € online und im Handel erhältlich.

Künstler: Ira Atari
Besetzung: Ira Göbel, Bernhard Raser
Album: Moment
Veröffentlichung: August 2016
Label: Audiolith
Genre: Synth-Pop

Titelbild: Audiolith

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