Knorkator bringen Kesselhalle zum Kochen

Sie sind bunt, laut, durchgeknallt und fragt man sie selbst, wie sie sich beschreiben würden, antworten sie „Wir sind sowohl die genialste, als auch die bescheidenste Band Deutschlands.“ – ganz bescheiden eben. Die Berliner „Boyband“ Knorkator beehrte Bremen mit einem fulminanten Auftritt in der Kesselhalle des Kulturzentrums Schlachthof.

Von Pia Zarsteck

Massen strömen am vergangenen Freitagabend aus dem Bahnhof und von umliegenden Straßenbahnhaltestellen her. Lederjacke trifft High Heels, wir kämpfenuns durch die Menschentrauben… und lassen die Elton-John-Fans hinter uns. Die Haare werden länger, die Bärte dichter, die Lederjacken abgewetzter und neben Handtaschen hält man und frau Bier in der Hand. Ganz normales Knorkator-Publikum halt.

stumpen_piazarsteck
Stumpen. Bild: Pia Zarsteck

So schwer sie musikalisch einzuordnen sind ihre Bandbreite kommt bei Fans gut an. Metal ist schon mal ein guter Anfang, darauf zu reduzieren sind die fünf Musiker aber lange nicht.   Aber, wie Stumpen es angemessen auf den Punkt bringt, ihre Musik ist „absolut fernseh- und radiountauglich“. Kräftige Metal-Riffs treffen auf melodisch-ruhige Klänge und operntauglicher Stimme. Geri Ivers, besser bekannt als Stumpen, schloss eine klassische Gesangsausbildung ab und wurde hiernach in der Berliner Staatsoper „Unter den Linden“ engagiert. Dass dieser Kontrast funktionieren kann, beweisen Stumpen, Alf Ator, Buzz Dee, Rajko und Nick auf ihrer Tour „Wir freuen Euch uns zu sehen“ wieder eindrucksvoll.

Sympathische Chaoten

Ein Video läuft den gesamten Einlass über: Es zeigt Stumpen bei der Autofahrt, einigermaßen textsicher die Lieder mitsingend, die im, sich langsam füllenden Schlachthof, gespielt werden. Es endet mit der Ankunft bei der Band und geht über, in den Beginn des Konzertes. Die Band, gewöhnungsbedürftig gekleidet, wie Fans es gewohnt sind, betritt die Bühne. Eine Art Fell-Yeti humpelt mit Krückstock hinterher – die Stimme erkennen wir alle: Es ist Stumpen. Stück für Stück wird er dieses wirklich sehr warm aussehende Kostüm ablegen, bis er nahezu blank zieht und nur noch in knappem Höschen und mit nacktem Hintern auf der Bühne herumspringt. Eine große Bandage ziert sein linkes Knie, aber wirklich bremsen lässt sich der halbseitig tätowierte und ausgesprochen quirlige Sänger dadurch nicht. Manch ein Cheerleader wäre neidisch, so wie der nicht mehr ganz jugendliche Sänger über die Bühne tanzt, springt und manchmal auch auf den Händen läuft.

rajko-und-buzzdee_piazarsteck
Rajko und BuzzDee. Bild: Pia Zarsteck

Groteske Kleidung, radiountaugliches Heavy Metal-Punk-Avantgarde – kann man Knorkator überhaupt ernst nehmen? Sie auf einfachen Unsinn zu reduzieren, ist jedenfalls nicht die Lösung. Natürlich fordern die fünf Spaßmacher ihrem Publikum ordentlich Humor ab. Stumpen zum Beispiel zeigt ganz deutlich, was er von Amateurvideos hält und lässt auch an diesem Abend ein Smartphone aus der ersten Reihe in seiner Hose verschwinden. Und damit ist nicht die Hosentasche gemeint… Dennoch: Viele ihrer Lieder schlagen gesellschaftskritische Töne an. Alf Ator, kreativer Kopf der Band, Keyboarder, neben Stumpen aber auch gerne mal der Sänger, singt in „Eigentum“ davon, dass wir als konsumorientierte Gesellschaft Eigentum unseres Eigentums sind. Oder sie singen in „Geld“ recht ironisch davon, wie das lyrische Ich nur durch Geld glücklich wird.

Besonders publikumsnah…

…zeigen sich die Berliner Knallköppe im Bremer Schlachthof. Als Kai, ein Fan mittleren Alters auch nach wiederholter Aufforderung Stumpens nicht aufstehen will, holt dieser ihn kurzerhand zu sich auf die Bühne. Passend zum Song „Fans“ darf er nun auf der Bühne mitspringen. Annette, unsere zweite Chefredakteurin, steht ganz privat als Fan in der ersten Reihe und erlebt ein persönliches Highlight, als ihr Vater neben ihr aus der Menge auf die Bühne geholt wird. Er darf während des Songs „El Dorado“ auf der Bühne herumlaufen und mit seinem Smartphone filmen und wird mit begeisterten „Alexander! Alexander!“-Rufen vom Publikum gefeiert. Für das gesamte Publikum ist die kleine Zoé ein weiteres Highlight. Das vielleicht zehn Jahre alte Mädchen mit langen, blonden Haaren, erhascht die Aufmerksamkeit der Band – und wird ebenfalls auf die Bühne geholt. Textsicher singt und springt der junge Fan mit und traut sich danach sogar stagedivend von der Bühne.

stumpen-bremen-ist-ganz-schon-toll_piazarsteck
Stumpen: “Bremen ist ganz schön toll”. Bild: Pia Zarsteck

„Bremen ist ganz schön toll“

Aber nicht nur mit den vielen Fans auf der Bühne zieht Knorkator das Publikum seinen Bann. Stumpen ist gut drauf, witzelt herum und interagiert mit seinen Bandkollegen – allen voran mit Alf Ator. „Bremen ist ganz schön toll“, versichert Stumpen, dessen eigenes Highlight der Besuch bei seiner Nichte, einer Wahlbremerin, ist.

„Wer kommt denn hier aus Bremen?“, fragt er uns. Jubel. „Wer kommt denn nicht aus Bremen?“, hakt er nach und erntet tosendes Jubelgeschrei. „Also entweder seid ihr Bremer ‚meh‘ oder ihr anderen … mehr.“, kommentiert er trocken. Dass sie sich in Bremen trotzdem wohlfühlt, zeigt die Band, indem sie sich ganz viel Zeit für uns nimmt. Etwas mehr als zwei Stunden rocken sie die Kesselhalle. Mit kurzen Unterbrechung der Musik: In einer wunderschönen

alf-ator_piazarsteck
Alf Ator. Bild: Pia Zarsteck

eigenen Version des AC/DC Klassikers „Highway to hell“ soll eigentlich im letzten Refrain – lang und stimmgewaltig gesungen – eine kleine Pyroshow aus einem Helm auf Stumpens Kopf erscheinen. Als dies ausbleibt, setzt er sich geduldig auf die Bühne und beginnt zu basteln. Seinen Kollegen Alf degradiert er zum Mikrofonständer, denn „Menschen haben das Recht, das kommentiert zu hören.“

„Zähne putzen, pullern und ab ins Bett“

Mit ihrem ersten Song der neuen Platte „Ich bin der Boss“ endet das Konzert scheinbar. Wie von der Band erwartet, holt der nahezu ausverkaufte Schlachthof sie mit lautem „Zugabe! Zugabe!“ noch einmal auf die Bühne. Stumpen, nun in goldglitzernden Panties, lässt uns so lange Jubeln, bis es mit „respektablen“ 110 Dezibel für fünf weitere Lieder reicht. Das Konzert findet mit dem motivierenden „Wir werden alle sterben“ seinen Abschluss und Knorkator entlässt ein euphorisches Publikum ins Wochenende.

Vor 16 Jahren schrammten Knorkator hier in Bremen in der Halle 4 knapp am Vorentscheid zum „Eurovision Songcontest“ vorbei und machten sich als durchgeknallte, musikalisch aneckende Band mit fragwürdigen Auftritten einen Namen. Hier im Schlachthof, im Schoß der Fangemeinde aus Bremen (und umzu), ist es genau diese unkonventionelle Art, die gewohnt-ungewöhnliche Musik und das ganz besondere Ambiente, die Band und Publikum einen großartigen Abend erleben lassen. Torben, der Gewinner unseres Gewinnspiels, ist ebenfalls begeistert: „Ein super Abend! Danke für die Tickets!“

Titelbild: Pia Zarsteck

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *