Netzwerk „Flüchtlingshilfe“ – Teil 1

Als im Jahr 2014 die Flüchtlingsströme nach Europa einsetzten und viele Flüchtlinge und Asylsuchende aus unterschiedlichen Ländern auch nach Deutschland kamen, waren unsere Verwaltungsapparate schnell überlastet und überfordert. Um die verzweifelten und teilweise entkräfteten Menschen mit dem Notwendigsten zu versorgen, bildeten sich rasch Helferkreise, deren Mitglieder Tag und Nacht unermüdlich tätig waren. Diese deutsche „Willkommenskultur“ hat damals die restliche Welt sehr beeindruckt.

von Roswitha Bögelsack

Auch bei uns in Syke gründete sich ein Netzwerk „Flüchtlingshilfe“. Es besteht aus Vertretern der Stadt, des Landkreises, der Diakonie, der Kirchengemeinden und anderen Organisationen, sowie vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern. Seit seiner Gründungsveranstaltung finden regelmäßige Treffen statt. Hier erhalten die Ehrenamtlichen aktuelle Informationen, es werden Fragen geklärt oder von den Koordinatoren zumindest aufgenommen. Besonders wichtig ist der Austausch der ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer untereinander.

Über dieses Netzwerk hinausgehend, können sich interessierte Freiwillige in einer Maßnahme des Landkreises zu „Asylbegleitern“ weiterbilden lassen. Der mehrere Monate dauernde Kurs vermittelt wichtige soziale Kompetenzen, gibt aber auch Einblicke in die Arbeit der zuständigen Behörden, wie beispielsweise des Bundesamtes für Flüchtlinge und Migration (BAMF). Die Kursteilnehmer lernen Wissenswertes über den Ablauf des Asylverfahrens. Auch in diesen Kursen ist der Austausch der Teilnehmer untereinander eines der zentralen Themen, denn in der Regel sind die Teilnehmenden bereits ehrenamtlich in der Begleitung von Geflüchteten tätig.

Hochkonzentriert beim Deutschlernen (Foto: Roswitha Bögelsack)

Als politisch lokal engagierte Bürger war es für meinen Mann und mich von Anfang an selbstverständlich, uns im Flüchtlingsnetzwerk einzubringen. Über das Engagement ergab sich ab dem Schuljahr 2015/16 für mich eine Anstellung bei der Berufsschule (BBS) Syke, wo ich seither einen Vormittag pro Woche in einer Sprachlernklasse unterrichte. Darüber hinaus biete ich in einer Haupt- und Realschule im Rahmen des Bildungs- und Teilhabepaketes (BuT) Flüchtlingskindern Förderunterricht in Deutsch an. Schließlich leite ich als Dozentin mehrere integrative Deutschkurse für Geflüchtete mit und ohne Alphabetisierung.

Abenteuer Deutschkurs

Die Arbeit mit den geflüchteten und asylsuchenden Menschen ist interessant und macht Spaß. Meist beginnen 16 bis 18 Lernende mit dem Kurs. Die Kursteilnehmer kommen aus unterschiedlichen Ländern. Da sitzen Afghanen neben Syrern und Somali – und alle lernen zusammen Deutsch. Einige können schon ein paar Wörter Deutsch, andere sprechen neben ihrer Muttersprache ein paar Brocken Englisch oder Französisch. So bin ich als Dozentin gefordert, muss meine Englisch- und Französischkenntnisse auffrischen oder mir etwas anderes einfallen lassen, um den Kursteilnehmern Wissen zu vermitteln.

Ich beginne immer mit der Begrüßung und der persönlichen Vorstellung. Die Lernenden sprechen ihre ersten Sätze in Deutsch. Das macht sie stolz und sie entwickeln einen Ehrgeiz weiter zu lernen.

Dann erarbeite ich nach und nach alle Buchstaben unseres Alphabetes, immer eingebunden in ein Thema, zum Beispiel „Speisen und Getränke“. Viele Teilnehmer haben in ihren Herkunftsländern nie eine Schule besucht. Das trifft in erster Linie auf die Frauen zu. Sie können weder lesen noch schreiben, auch nicht ihre eigenen Schriftzeichen. Die meisten Männer haben höchstens ein paar Jahre lang eine Art Volksschule besucht. Sie können in der Regel etwas lesen und schreiben.

Für die 60-jährige Najia aus Syrien ist der Besuch des Deutschkurses das erste Mal im Leben, dass sie Unterricht erlebt. Sie ist glücklich, nun endlich auch in die „Schule“ gehen zu dürfen. Entsprechenden Ehrgeiz legt sie an den Tag: Sie hat nur ein einziges Mal gefehlt (da musste sie zu einem Interview bei der Ausländerbehörde). Immer arbeitet sie eifrig mit. Jetzt, am Ende des Kurses, kennt sie sicher die Buchstaben unseres Alphabetes und kann kleine Texte auf Deutsch lesen. Sie ist stolz auf diese Leistung und ihr neu erworbenes Wissen.

Der Buchstabe G (Foto: Roswitha Bögelsack)

Najia musste sich den Lernstoff hart erarbeiten, denn ältere Menschen lernen nicht mehr so schnell. Die jüngeren Teilnehmer haben es da einfacher. Sie knüpfen auch relativ schnell Kontakte mit gleichaltrigen Deutschen, wodurch sie einen enormen Vorsprung beim Erlernen unserer Sprache haben.

Hohe Anforderungen an die Lehrenden

In meinen Kursen verwende ich kein bestimmtes Lehrwerk. Als Dozentin muss ich mich regelmäßig informieren, was es an aktuellem Material gibt. In meinem Regal stehen etliche Werke, für unterschiedliche Sprachniveaus, für Kinder und Jugendliche und für Erwachsene. Lehrwerke für die Alphabetisierung und für Teilnehmer, die bereits alphabetisiert sind. In jedem dieser Bücher finden sich brauchbare Texte und Übungen.

Zu Hause plane ich jede Unterrichtseinheit meiner Kurse. Dabei schaue ich auf den Leistungsstand und die Leistungsfähigkeit der Teilnehmenden. Danach suche ich meine Übungen aus. Manchmal muss ich Übungen auch selbst kreieren. Das ist zeitaufwändig, macht aber auch viel Spaß.

Ich wechsele im Unterricht zwischen mehreren Übungstypen ab. Nur mit sturem Ausfüllen von Arbeitsblättern würde niemand etwas lernen. Müssen die Teilnehmer jedoch beim Konjugieren von Verben in einer Art Puzzle die richtigen Endungen an den Wortstamm setzen (den sie zuvor herausarbeiten müssen), bleibt viel mehr Lernstoff hängen.

Bereits alphabetisierte Teilnehmer benötigen viel mehr Inhalt beim Lernen. Sie können in der Regel bereits ein wenig Deutsch. Da geht die Gruppe schon mal in einen Supermarkt und kauft ein. Zuvor haben sie überlegt, wer was kaufen soll. Anschließend berechnen sie die Gesamtkosten. Zum Abschluss gibt es ein gemeinsames Essen. Dabei wird dann erfahrungsgemäß viel gesprochen, auf Deutsch versteht sich.

Heft mit Schreibübungen (Foto: Roswitha Bögelsack)

In einem Alphakurs finden sich Teilnehmer aus fünf verschiedenen Ländern. Donnerstagnachmittag wird in fünf Unterrichtseinheiten gelernt, das sind vier Zeitstunden. Etwa nach der Hälfte der Zeit machen wir eine Pause. Es hat sich eingebürgert, dass immer ein oder zwei Teilnehmer etwas zu essen mitbringen, in der Regel landestypische Gerichte. Sie kochen immer so viel, dass es für alle reicht. Wir sitzen dann um den großen Tisch, essen und unterhalten uns. Wie eine große Familie. Schön ist das.

Überhaupt gibt es in den Kursen einen großen Zusammenhalt untereinander. Jeder hilft jedem, wenn einmal etwas nicht sofort verstanden wird.

Mehr als eine Deutschlehrerin

Ich bin für meine Schüler nicht nur die Lehrerin. So kann es passieren, dass Khurshid aus Afghanistan Probleme beim Erkennen der Buchstaben auf ihrem Arbeitsblatt hat. Sie „leiht“ sich dann mal kurz meine Lesebrille aus, und gibt sie zurück, wenn ich sie wieder selber brauche. Ich helfe dann gerne und mache mit ihr einen Termin beim Augenarzt und kümmere mich auch um einen Dolmetscher, der Khurshid zum Arzt begleitet. Sie selbst wäre damit überfordert. Zwei Wochen später präsentiert sie mir stolz ihre Lesebrille, die ich dann auch ausprobieren muss.

Oft zeigen mir die Leute Schreiben von Behörden, die sie nicht verstehen. Es ist mir ein Rätsel, warum nicht bedacht wird, dass die Adressaten dieser Schreiben kein oder nur wenig Deutsch sprechen; dabei wäre es doch möglich, standardisierte Schreiben wie beispielsweise Einladungen zum Interview beim BAMF in Übersetzung zu verschicken.

Neben den Integrativen Deutschkursen mit und ohne Alphabetisierung gibt es die „Integrationskurse“. Nur die Flüchtlinge, die vom BAMF die Zulassung zu einem Integrationskurs erhalten, dürfen daran teilnehmen. Andersherum dürfen nur Dozenten mit einem abgeschlossenen DaF- beziehungsweise Deutschstudium und solche mit einem abgeschlossenen Hochschulstudium, einer Zusatzqualifizierung und mindestens 500 geleisteter Unterrichtseinheiten in Deutschkursen für Flüchtlinge diese Integrationskurse leiten.

Hohe Hürden, die das BAMF für interessierte Dozenten aufbaut. Ich glaube aber, es lohnt sich, diese zu überwinden, um Integrationskurse leiten zu dürfen.

Auch für Geflüchtete lohnt sich die Teilnahme am Integrationskurs. Die Kurse bestehen aus einem Sprach- und einem Orientierungskurs. Nach insgesamt 660 Stunden enden sie mit einem skalierten Sprachtest sowie dem Test “Leben in Deutschland”. Das Ziel: Alle Teilnehmer sollen das Sprachniveau B1 erreichen und einen Einblick in die Rechtsordnung, die Kultur und die Geschichte Deutschlands bekommen.

Die hier geschilderten Erlebnisse fußen auf Erzählungen und Gesprächen mit Geflüchteten. Aus Gründen der Diskretion wurden deren Namen geändert.

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