Netzwerk „Flüchtlingshilfe“ – Teil 2

Auf der Flucht

Zu traumatisiert, um Deutsch zu lernen

Omar und Leila besuchen einen meiner Deutschkurse. Sie leben jetzt mit vier Kindern in einer Kleinstadt in der Nähe von Bremen. Omar ist erst 43 Jahre alt, doch mit seinen grauen Haaren und seinem zerfurchten Gesicht wirkt er deutlich älter. Leila ist sieben Jahre jünger als ihr Mann, doch auch sie sieht aus wie eine alte Frau.

Als der Deutschkurs im Juni begann, konnte Leila weder schreiben noch lesen, auch nicht die arabischen Schriftzeichen. Im Herkunftsland Syrien hat sie nie eine Schule besucht. Omar ging vier Jahre lang zur Schule. Er kann in Arabisch etwas lesen und schreiben. So wie diesen beiden geht es auch den anderen Kursteilnehmern. Deshalb ist das Ziel des Kurses einerseits die Vermittlung von lebens- und alltagspraktischen Inhalten, andererseits das Erlernen der deutschen Sprache in Wort und Schrift. Damit soll die Grundvoraussetzung für eine gelungene Integration geschaffen werden.

Aufgefallen ist mir, wie erschöpft Leila zu Beginn des Kurses war. Sie konnte sich nur wenige Minuten lang konzentrieren, dann schaltete sie ab und saß die restliche Unterrichtszeit nur still auf ihrem Platz. An Aufgaben und Fragerunden beteiligte sie sich nicht. Schnell blieb sie hinter den anderen Teilnehmern zurück. Auch klagte sie gestenreich immer wieder über Schmerzen im Kopf, den Augen, den Gelenken. Für Kursleitende ist der Umgang mit solchen Teilnehmern immer schwierig und anstrengend: So viel man sich auch einfallen lässt, um die Teilnehmer zum Lernen und Mitmachen zu motivieren, können die Versuche nicht immer angenommen werden. So erlebte ich es mit Leila. Schließlich war die Kluft zwischen Leila und dem Rest des Kurses so groß, dass sie nur noch daneben saß.

Hassans Fluchtgeschichte (Foto: Roswitha Bögelsack)

Eines Tages im Oktober kam Leila auf mich zu und zeigte mir Fotos auf ihrem Handy. Ein Foto machte mich besonders betroffen: Zu sehen war ein vollständig zerbombtes Haus, unbewohnbar, nur noch ein Haufen Schutt. Leila erzählte mir mit Händen und Füßen und mit der Übersetzungshilfe der anderen Kursteilnehmer, dass dieses zerbombte Gebäude einmal das Wohnhaus ihrer Familie in Aleppo war. Während der dramatischen Kämpfe um diese strategisch wichtige Metropole wurde das Wohnviertel von den Kriegsparteien völlig zerstört. Die Familie floh in einen anderen Teil der Stadt, doch die Kriegshandlungen waren bald auch dort angelangt. Da beschlossen Omar und Leila, mit ihren Kindern nach Europa zu fliehen. Sie sahen in Syrien keine Zukunft mehr. Bei der Flucht aus Aleppo schafften es jedoch nicht alle Familienmitglieder mitzukommen: Leilas Eltern sowie die beiden älteren Kinder blieben zurück. Leila kann seitdem vor Angst und Sorgen kaum mehr schlafen. Immerzu ist sie müde und erschöpft. „Ich kann mich in dieser Situation doch gar nicht auf den Deutschunterricht konzentrieren!“, lässt sie mir übersetzen. Das verstehe ich. Ich könnte das in ihrer Situation auch nicht.

Omar und Leila zeigten mir viele Fotos und Filmsequenzen ihrer Flucht. Bilder wie diese kenne ich aus der Berichterstattung im Fernsehen. Trotzdem machen mich ihre Aufnahmen besonders betroffen, denn ich kenne die Menschen persönlich. Die Flüchtlinge haben ein Gesicht bekommen.

Auf der Flucht beschossen

Roholla und Zeynab, Teilnehmer aus einem anderen Deutschkurs, haben nicht minder Dramatisches erlebt. Sie sind kurdischstämmig und kommen aus Afghanistan. Weil Roholla sich dort politisch engagierte, ist sein Leben bedroht. Im Dezember 2015 blieb ihm nur die Flucht aus der Heimat, gemeinsam mit seiner Frau, seiner Mutter und zwei Geschwistern. Zu Fuß machten sie sich auf den gefährlichen und beschwerlichen Weg nach Europa. Auch Roholla dokumentierte die Flucht mit hunderten von Fotos und vielen Filmaufnahmen. In einer dieser Filmsequenzen erkennt man die Mitglieder der Familie, wie sie mühsam einen mit tiefem Schnee bedeckten steilen Gebirgshang hinaufklettern. Plötzlich peitschen Schüsse. Roholla schwenkt die Kamera, auf dem Bergkamm erkennt man Soldaten in weißen Tarnanzügen, die auf die Leute schießen. Ich erkenne Rohollas Schwester, wie sie sich hinter einen großen Felsblock in Deckung wirft. Schreie, und immer wieder Schüsse. Dann plötzlich Stille. Die Aufnahme stoppt. Roholla wurde bei dieser Schießerei am Bein getroffen. Die Narbe sieht man heute noch. Mit der Kugel im Bein schleppte er sich bis in die Türkei. Von dort gelangte die Familie mit Hilfe von Schleppern auf Schlauchbooten nach Griechenland und weiter nach Deutschland. Die Schlauchboote sind lediglich für 20 Personen zugelassen, doch auf den Fotos und Filmen sind mehr als 60 Menschen zu erkennen, die sich in ein Boot zwängen. Ihnen steht blanke Angst ins Gesicht geschrieben. Der Seegang an diesem Tag ist enorm, und die Flüchtlinge haben Angst, mit dem überladenen Boot zu kentern.

Kaputtes Haus in Aleppo (Foto: A. B.)

Beschossen wurde auch Ahmad. Wie Roholla kommt er aus Afghanistan. Mit seiner Familie führte er ein einfaches Leben in einer Kleinstadt. Seine Arbeit als KFZ-Mechaniker sicherte den Lebensunterhalt. Eines Tages kamen militante Soldaten eines feindlich gesinnten, islamistischen Clans in die Stadt und schossen auf die Bevölkerung. Ahmad wurde am Kopf getroffen, doch er überlebte. Durch den Granatenbeschuss verlor die Familie jedoch ihr kleines Haus. Sie hatten nur noch das, was sie am Leibe trugen. Kaum ging es Ahmad besser, floh die Familie nach Europa. Jetzt leben sie in einer netten kleinen Wohnung in der Nähe von Bremen. Ahmad ist ein ruhiger Mann. Er redet nicht viel, schon gar nicht über die schrecklichen Ereignisse in seiner Heimat. Bis auf dieses eine Mal. Wie Leila hat er Schlafstörungen, wacht nachts immer wieder schweißgebadet auf, manchmal schreit er laut. Mittlerweile befindet sich Ahmad in Behandlung bei einem Trauma-Therapeuten. Vielleicht lernt er, eines Tages mit seinen furchtbaren Erinnerungen zu leben. Vergessen wird er sie wohl nie.

Ein „Nein!“ mit schlimmen Folgen

Einen ganz persönlichen Grund hatte Anisha, um aus ihrer Heimat Elfenbeinküste zu fliehen. Ihr Vater hatte sie einem seiner Freunde zur Frau versprochen. Anisha ist damals gerade 17 Jahre alt, der „Bräutigam“ ist 58. Als Anisha sich weigert, diesen Mann zu heiraten, bedroht der Vater sie mit dem Tode. Es bleibt der jungen Frau nichts anderes übrig, als zu fliehen. Drei Jahre braucht sie bis nach Europa, nach Deutschland. Immer wieder lebt sie eine Zeit lang in einem anderen afrikanischen Land, um sich das Geld für die weitere Flucht durch Arbeit zu verdienen. Vor sieben Monaten schließlich ist sie hier angekommen. Sie lernt mittlerweile Deutsch und hat Freunde gefunden, die sie hin und wieder aus ihrem langweiligen Alltag herausholen. Zurück in die Elfenbeinküste kann Anisha nicht, nach wie vor ist ihr Leben in Gefahr. Neben dem eigenen Vater hat auch der abgewiesene „Ehemann“ sie mit dem Tod bedroht.

Gibt es „die“ gute Asylpolitik?

Meine Aufzählung könnte noch lange weitergehen. Aus meiner Arbeit kenne ich viele Menschen, die als Flüchtlinge nach Deutschland kamen und hier um Asyl gebeten haben. Die meisten kommen aus kriegsgeschädigten Gebieten, haben dort alles verloren und stehen vor dem Nichts. Sie hoffen, in Deutschland bleiben zu dürfen und hier bei uns ein neues Leben für sich und ihre Familien aufbauen zu können. Bei einigen konnte ich die Freude miterleben, wenn ein positiver Bescheid – und sei es nur die Duldung für ein Jahr – kam. Andere, die abgelehnt wurden und Deutschland verlassen müssen, verfallen dann schnell in große Angst und Sorgen. Denn zum Besseren hat sich die Situation in ihren Heimatländern nicht geändert.

Teilnehmer eines Deutschkurses (Foto: Roswitha Bögelsack)

Bundeskanzlerin Merkel hat im Jahr 2015, als wie nie zuvor dagewesene Flüchtlingsströme nach Europa und nach Deutschland kamen, einen Slogan der Hilfe geprägt: „Wir schaffen das!“. Damit war sie authentisch und ehrlich. Sie wollte den Flüchtlingen in ihrer schweren Situation zur Seite stehen. Leider konnte sie nicht die benötigte Unterstützung gewährleisten, weder im eigenen Land noch im europäischen Ausland. Mit ihrem hehren Ansinnen stand sie dann auch europaweit alleine da: Staat um Staat verweigerte die humanitäre Flüchtlingshilfe. Stattdessen traten rechtspopulistische Gruppierungen ins Rampenlicht, deren Auswüchse und menschenverachtende Ideen nur Leid und Unheil brachten und immer noch bringen. Angesichts der menschlichen Katastrophen in vielen Staaten skandalös.

Dass wir nicht alle hier in Deutschland dauerhaft aufnehmen können, ist richtig. Die Kommunen und Gemeinden haben schon genug Probleme, die bereits eingereisten Geflüchteten adäquat zu versorgen und zu integrieren. Ein großer Dank gebührt an dieser Stelle den vielen Freiwilligen, die den zugewanderten Menschen Hilfe und Unterstützung geben. Aber eine pauschal geänderte und verschärfte Flüchtlingspolitik, die zu vermehrter Ablehnung von Asylanträgen führt, ist auch keine angemessene Lösung des Problems, denn die Ursachen für die Flucht so vieler Menschen bestehen immer noch. Die Flüchtlingsfrage geht uns alle an; deshalb müssen alle Staaten miteinander in Dialog treten und gemeinsam an einem Friedensprozess in den Krisenländern arbeiten. Dies wäre ein erster Ansatz zur Bewältigung der Krise.

Die hier geschilderten Erlebnisse fußen auf Erzählungen und Gesprächen mit Geflüchteten. Aus Gründen der Diskretion wurden deren Namen geändert.

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