Die Leiden des jungen Lehrers

Der mehrfach prämierte Dokumentarfilm „Zwischen den Stühlen“ läuft seit Donnerstag in den deutschen Kinos. Regisseur Jakob Schmidt begleitet drei angehende Lehrkräfte durch ihren stressigen Alltag im Referendariat. Die Komplexität des Lehrerberufs steht dabei genauso im Vordergrund, wie die Gefühlswelt der Protagonisten, geprägt von Selbstzweifeln und Existenzkrisen.

Von Florian Fabozzi

Anna Kuhnhenn ist Referendarin an einer Berliner Grundschule. Sie hat klare Ideale und das Bildungssystem ist ihr zuwider. Es sei kein Raum für Spaß und individueller Entfaltung, die Rolle des Lehrers sei zudem zu autoritär. Ihr anti-autoritärer Stil wird ihr beim Referendariat, jener Phase der Lehrerausbildung, in der angehende Lehrer von Professoren auf Herz und Nieren geprüft werden, zum Verhängnis. Ihr Auftreten sei nicht präsent genug, so die Kritik, die Anna sich zu Herzen nimmt.

Ist der Lehrerjob überhaupt der richtige? Wie kann ich dem Druck standhalten? Selbstzweifel und Zukunftssorgen werden zum täglichen Begleiter. Als Referendar steht man täglich im Klassenraum, um Wissen zu vermitteln, die Schüler zu bewerten und zu beurteilen. Am Tag der Prüfung, wenn die kritisch dreinblickenden Damen und Herren von der Prüfungskommission im Klassenzimmer sitzen und jede kleine Auffälligkeit auf ihren Bewertungsbögen vermerken, ist sie als Referendarin in der konträren Rolle – sie ist es, die bewertet wird. Ein kühler Kopf und gute Nerven sind nun gefragt, man darf sich in der Ausnahmesituation nicht irritieren lassen. Eine Situation, an der Anna zu scheitern droht.

Pragmatismus statt Idealismus?

Besser ergeht es Ralf Credner, der sein Referendariat an einem Gymnasium absolviert. Ralf tritt selbstsicher auf und hadert nicht mit dem System, sondern fügt sich ein. Er hat nicht immer den Draht zu den Schülern, verlangt bisweilen zu viel von ihnen. Doch seine Autorität und seine akribische Unterrichtsgestaltung kommen bei den Prüfern gut an. Ralf ist kein Idealist, er reduziert die Aufgabe einer Lehrkraft auf die grundlegenden Dinge: Die Vermittlung von gesellschaftlichen Werten und damit die erfolgreiche Eingliederung in die Gesellschaft. Ist weniger also mehr?

Dass selbst die Vermittlung von Werten nicht selbstverständlich ist, muss Katja Wolf, angehende Lehrerin in einer Gesamtschule, leidvoll erfahren. Die engagierte Referendarin wird von halbwüchsigen Problemschülern regelmäßig zur Weißglut getrieben und ihr fällt es schwer, zu ihren Schülern durchzudringen. Ihr gelingt es nicht, die eigenen Pläne in die Tat umzusetzen. Motivation und Tatendrang schlagen schnell um in Desillusionierung und Ratlosigkeit. Ernüchtert stellt sie einen Vergleich an: Der Unterrichtstoff, den sie an die Schüler weitergibt, ist wie ein Spaziergang am Strandufer. Zuerst kommt der Stoff bei den Schülern an und hinterlässt seine Spuren – so wie eine Fußspur im Sand. Doch schon am nächsten Tag haben die Schüler alles wieder vergessen. Das Wissen wird weggespült wie die Fußspur von einer Welle. Die enorme Belastung ist Katja spätestens anzumerken, als sie nach der Prüfung Tränen der Erleichterung vergießt.

Druck und fehlende Vorerfahrung

Anna, Ralf und Katja sind drei ganz unterschiedliche Charaktere mit unterschiedlichen Qualitäten, die ganz unterschiedlich mit ihren Problemen umgehen. Was alle drei vereint, ist die Diffizilität ihrer Situation: Sie müssen sich vor einer Schulklasse, vor den Seminarleitern und vor den Eltern der Schüler behaupten. Sie bewerten und werden bewertet. Der Druck kommt von mehreren Seiten und oft sind die angehenden Lehrer auf sich allein gestellt. „Zwischen den Stühlen“ zeichnet ein negatives Bild von der Lehrerausbildung und dem Schulalltag. Referendare werden in ihrem Studium nur unzulänglich auf ihr Referendariat vorbereitet – es mangelt an Praxiserfahrung. Das Referendariat wirkt wie ein Sprung ins kalte Wasser. Der richtige Umgang mit den Schülern, die sinnvolle Gliederung einer Unterrichtsstunde – all das müssen die Referendare sich erst mühsam erarbeiten.

Pädagogisches und didaktisches Feingefühl ist gefordert, wenn es um die Frage geht, wann und wie man Kritik an die Schüler übt, wann man sie loben kann und welche Strategie man wählt, um langfristig einen positiven Effekt auf die Lernbereitschaft der Schüler zu erzielen. In einer Seminarsitzung zeigt sich, wie unterschiedlich Referendare Tests bewerten. Wie viel Spielraum ein Lehrer hat und was für eine Verantwortung er trägt.

Das Schulsystem, das zeigt sich im Film deutlich, bietet keinen Platz für Idealismus. Der Gedanke, jeden Schüler individuell nach seinen Qualitäten zu fördern, erweist sich als illusorisch. Das System orientiert sich am Mittelmaß und die Lehrer müssen sich in dem System einfügen. Längst nicht alle Lehrkräfte, ob Referendare oder etabliere Lehrer, befürworten das System, dem sie selbst angehören. Nicht wenige flüchten sich bald in den Berufszynismus.

Authentisch und erkenntnisreich

„Zwischen den Stühlen“ behandelt das Thema Lehrerreferendariat mit einer angenehmen Prise (Galgen-)Humor und einer überzeugenden, teilweise metaphorischen Bildsprache. Als beispielsweise ein Hamsterkäfig in einer der Schulen gezeigt wird, lässt sich das Hamsterrad als das System Schule interpretieren. Die Lehrer mühen sich ab, halten das „Rad“ und das System am Laufen und können sich dem nicht entziehen.

Der Film ist in allerlei Hinsicht authentisch. Er beschönigt nichts, ist aber auch niemals zu düster.  Immer schwingt auch Hoffnung auf bessere Tage mit und der Eifer der angehenden Lehrer ist nicht gebrochen, sondern kommt ab und an doch wieder zum Vorschein. Schön sind die vielen Einblicke hinter die Kulissen. Der Alltag im Lehrerzimmer samt anregenden Gesprächen zwischen Kolleginnen. Der Blick in die Referendariatsseminare, in der angehende Lehrer wieder zu Schülern werden.  Oder die von Anspannung geprägten Gespräche zwischen Prüfern und den Referendaren.

„Zwischen den Stühlen“ ist nicht nur für bereits etablierte oder künftige Lehrer interessant. Der Film sensibilisiert die Zuschauer für das Thema Lehrerberuf und gibt ihnen die Möglichkeit, sich in die Gefühlswelt der Referendare hineinzuversetzen. Schüler und Schülerinnen, die Lehrer gerne zum Feindbild stilisieren, sollten sich auch auf den Film einlassen, um die konträre Perspektive einzunehmen. Vielleicht kann dieser Film so zu einer größeren gegenseitigen Empathie aller Beteiligten beitragen.

“Zwischen den Stühlen” läuft seit Donnerstag, dem 18. Mai in ausgewählten deutschen Kinos. Bremer und Bremerinnen können sich den Film im Cinema Ostertor anschauen.

Zwischen den Stühlen. Regie & Drehbuch: Jakob Schmidt, FSK 0, Deutschland 2016, 106 Minuten.

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