Tagebuch einer Zugfahrt

Zugfahren kennen wir alle. Gerade durch das Semesterticket sind wir sicher noch öfter im Zug unterwegs als vor dem Studium und merken langsam, dass keine Fahrt ohne Probleme verläuft, aber dafür meist komische Menschen involviert sind.

Von Saskia Langrock

Wir schreiben den 04.08.2017, ca. 15:25. Ich erreiche in fröhlicher Erwartung, gleich den Zug nach Wilhelmshaven nehmen zu können, den Oldenburger Hauptbahnhof. Bisher ist die Fahrt von Bremen aus reibungslos verlaufen und so freue ich mich einfach darauf, bald bei meiner Familie zu sein und ein schönes Wochenende genießen zu können. Auf dem Gleis gegenüber steht besagter Zug schon und ich nähere mich der Tür. Hier hätte ich sofort stutzen sollen, als ich Leute aussteigen sehe, aber keine mehr einsteigen. Der Zug fällt wegen einer Streckensperrung aus. „Das ist ja nichts Neues“, denke ich mir und stelle mich zu den wartenden Menschen. Meine Stimmung hat sich noch nicht ins Negative verändert und mit ein bisschen Musik in den Ohren lässt es sich am überfüllten Bahngleis leben. Kurze Zeit später schon gehen freudige Blicke durch die Menge und ich sehe, dass der Zug zurück kommt. Alle dürfen wieder einsteigen. Dass mit „alle“ ziemlich viele Leute gemeint sind, finde ich in dem Moment auch nicht weiter schlimm, da ich es sogar schaffe, noch einen Sitzplatz zu bekommen.
Ich hole mein Handy raus, ersetze die Musik durch Breaking Bad und warte. Und warte und warte ganze 40 Minuten, bis sich etwas tut. In dieser Zeit sind immer mehr Leute eingestiegen, aber auch das schaffe ich zu ignorieren. Immerhin verbringe ich sonst auch viel Zeit im Zug und habe schon einiges miterlebt. Endlich kommt eine Durchsage: „ Aufgrund einer Streckensperrung konnte der Zug bisher nicht fahren, es sollte aber in wenigen Minuten weitergehen.“ Innerliches Jubeln, denn mittlerweile ist die Folge Breaking Bad vorbei und die Leute um mich herum werden nervös. Langsam gerät der Zug ins Rollen und wir verlassen den Oldenburger Hauptbahnhof.

Nach einigen Minuten Fahrt fängt ein kleines Kind an zu schreien. Auch das ist in Ordnung, denn das Kleine ist ganz süß und ich habe ja noch Musik, mit der ich zumindest halbwegs alles ausblenden kann. Das Ganze gestaltet sich etwas schwerer, als zu dem schreienden Kind noch das Mädchen gegenüber anfängt zu telefonieren. Denn sie telefoniert nicht in einem normalen Tonfall, sondern schreit ihre Gesprächspartnerin regelrecht an und versucht ihr klar zu machen, dass sie „seit neun verkackten Stunden im Zug sitzt“ und schwört, „keinen Bock mehr auf diese Scheiße zu haben“. Und auf Anna auch nicht, denn Anna ist scheiße und auch das schwört sie ungefähr zwanzig Mal.
Anna ist übrigens, wie ich nach kurzer Zeit feststelle, die Gesprächspartnerin. Arme Anna! An dieser Stelle ist meine gute Laune übrigens leichter Hysterie gewichen. Ich muss mich dazu zwingen, dem Mädchen nicht das Handy aus der Hand zu reißen, das Kind nicht in die nächste Toilette zu sperren und den Leuten um mich herum nicht zu sagen, dass sie bitte 5 Meter Abstand zu mir halten sollen. Wir sind in Rastede angekommen.

Die Hoffnung, dass der Zug vielleicht etwas leerer wird, erlischt in dem Moment, in dem eine riesige Reisegruppe einsteigt. Mittendrin Rita, die verzweifelt ihren roten Koffer sucht, den eine ihrer Kolleginnen ihr dann eine Minute später über alle Köpfe hinweg reicht. Meine Hysterie weicht dem Gefühl des Harndrangs. Ich muss pinkeln und würde gerade sehr gerne direkt neben dem Klo sitzen, aber nur, wenn die Toiletten schalldicht sind und zuvor dort eingesperrte Kinder nicht zu hören sind. In Varel angekommen, erwacht Werner neben mir plötzlich zum Leben. Er hat Rainer vorne im Zug entdeckt und versucht mit ihm zu kommunizieren.
Werner hat übrigens Mundgeruch. Starken Mundgeruch. Ich möchte diesen Zug bitte endlich verlassen! Und das telefonierende Mädchen, das Anna scheiße findet, offensichtlich auch. Sie hat noch diverse weitere Male wiederholt, dass sie schwört seit neun Stunden im Zug zu sitzen und in der nächsten Minute erhöht sie sogar auf zehn Stunden. Wer ist hier hysterisch? Etwas verwirrend wird es, als das Mädchen plötzlich Werner das Handy reicht, damit er Anna erklären kann, dass dieser Zug Verspätung hatte und dass wir wirklich gerade erst in Varel gehalten haben. Ich muss mich zusammenreißen, damit ich keinen Lachanfall bekomme. Das wird ja immer verrückter. Somit beschließe ich meine hysterische Energie in einen sinnvollen Zeitvertreib umzuwandeln und verfasse diesen Text. Wenig später wird das Mädchen gegenüber ruhiger und auch Werner hat die Kommunikation mit Rainer aufgegeben. Irgendwo in der Menge entdecke ich plötzlich das lächelnde Gesicht eines alten Klassenkameraden, der wahrscheinlich auch keine Lust mehr hat. Soll ich ihm vielleicht zuwinken und zu mir rufen? Vielleicht wird doch noch alles gut! Zumindest ertönt jetzt die Ansage des Bahnhofs, an dem ich aussteige, und damit verabschiede ich mich.

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