Was wählen die Bremer Studierenden?

Das studentische Politbarometer an der Universität Bremen

Die Studierenden an der Universität Bremen haben gewählt. Die umfangreichen Ergebnisse der ScheinWerfer-Umfrage zur kommenden Bundestagswahl ergaben eine klare Dominanz von Rot-Rot-Grün, während sich die Großpartei CDU im Mittelfeld bewegt. Auch in Hinblick auf die Hochschulpolitik und die Studierendenratswahlen besteht ein Interesse an reger Beteiligung.

von Christine Leitner & Florian Fabozzi

Insgesamt haben 207 Studierende an der Umfrage des ScheinWerfer teilgenommen. Abgestimmt wurde über Parteien, die laut den Studierenden nach der Wahl in den Bundestag einziehen sollen. Dabei kamen Die Linken auf rund 21%, die Grünen folgten mit knapp 20%. Aus gegebenem Anlass gab es darüber hinaus die Möglichkeit, seine Meinung zur Hochschulpolitik abzugeben. Auch im Hinblick auf die bereits stattgefundenen Studienratswahlen zeigte sich ein hohes Engagement. Das Ergebnis überrascht, denn obwohl sich das allgemeine Interesse an der Hochschulpolitik in Grenzen hielt, gaben rund 44% der Befragten an, sich an der Studienratswahl zu beteiligen. Es muss jedoch angemerkt werden, dass die Ergebnisse nicht als repräsentativ angesehen werden können, da nur ein Bruchteil aller Studierenden an der Umfrage teilnahmen, von denen die meisten aus dem Bereich Informatik, Lehramt und dem Ingenieurswesen stammen.

Wenn morgen Bundestagswahlen wären, welche Partei würdet ihr wählen?

So haben die Studierenden gewählt

Das Ergebnis des studentischen Politbarometers an der Universität Bremen zeigt sich ausgeglichen: Erwartungsgemäß dominiert Rot, die Linken setzten sich mit 21,3% an der Spitze durch. Hierauf folgten eng beieinander die Grünen (19,8%), SPD (17,8%) und CDU (16,9%).  Weiter unten in der Auswertung kamen die FDP mit 9,2% sowie die AfD, die es mit 3,4% nicht mehr in den Bundestag schaffen würde. Im Hinblick auf die Geschlechterverteilung zeigt sich, dass der Anteil der männlichen Teilnehmer mit 51,2% um knapp drei Prozent größer ist, als der der weiblichen Befragten (48,3%). Eine Person gab kein Geschlecht an.

Obwohl sich die Befragung an Studierende aller Fachbereiche an der Universität richtete, nahmen überwiegend Studierende aus dem Bereich Informatik (24,6%) und Lehramt (18,8%) teil. Die übriggebliebenen 56,6% rekrutierten sich aus dem Ingenieurswesen, der Produktionstechnik, den Sprach-und Literaturwissenschaften (Englisch, Germanistik. Linguistik, transnationale Literaturwissenschaft) sowie den Sozial- und Geisteswissenschaften (Jura, Politik, digitale Medien).

Die wichtigsten Ergebnisse zusammengefasst:

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Die Linken schaffen es aus dem Stand an die Spitze. Die Gründe, die die Studierenden angeben, umfassen den Wunsch nach sozialer und finanzieller Gerechtigkeit, Sympathie für Sarah Wagenknecht sowie den Stopp der deutschen Waffenexporte und Veränderungen in der Rüstungspolitik. Auch hier zeigt sich eine hohe Wählerschaft männlicher Studenten (56% der Linken-Wähler). Hauptsächlich handelt es sich um Wähler aus dem Bereich Informatik und Germanistik, wohingegen sich die Politik-, Anglistik- und Ingenieurstudenten eher zurückhalten und ihre Stimmen anderweitig vergeben.

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Die Grünen hingegen zeichnen sich durch eine überwiegend weibliche Wählerschaft aus (61,5%). Die meist genannten Gründe beziehen sich auf die Umweltpolitik und die LGBT-Rechte (Homo-Ehe). Den Studierenden liegt darüber hinaus gesellschaftlicher Zusammenhalt, soziale Gerechtigkeit und Selbstbestimmung am Herzen. Einige geben an, sich mit dem „humanen“ Parteiprogramm am besten identifizieren zu können, da die konkurrierenden Parteien entweder zu autoritär, deutschnational oder populistisch angesiedelt seien. Angewählt wurden Die Grünen von 50% der teilnehmenden Politikstudenten, 12% aller teilnehmenden Informatiker sowie 10% der Lehramtsstudenten.

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Auch bei der Stimmauszählung der SPD-Wähler zeigt sich eine klare weibliche Dominanz (62,2%). Die Wähler setzen sich überwiegend aus Lehramtsstudenten (38%) und Linguisten zusammen. Die meisten Studierenden geben an, die SPD aus einem Traditionsbewusstsein heraus zu wählen. Wie bei den vorausgegangen Parteien, spielen auch hier soziale Gerechtigkeit, die Homo-Ehe und Zusammenhalt eine wichtige Rolle. Häufig werden die anderen Parteien jedoch als zu unrealistisch oder zu konservativ beschrieben, weshalb die SPD eine Alternative darstellt. Insgesamt zeigt sich deutlich, dass die Mehrzahl der SPD-Wähler eher geringfügig bis gar nicht informiert ist. Dies wird einerseits in den Kommentaren explizit erwähnt, andererseits zeigt sich dies auch in der relativ geringen Motivation, eine Begründung für die Wahl abzugeben. Überraschend stellt sich ebenfalls heraus, dass der „Schulz-Effekt“ eine sehr geringe Reichweite unter den Studierenden hat und der Name des Politikers in den Kommentaren kaum genannt wird.

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Die CDU kristallisiert sich als Lieblingspartei der Ingenieure heraus (40% aller teilnehmenden Ingenieurstudenten), aus keinem anderen Fach erhielt die Partei mehr Stimmen. Erstmals sind auch vermehrt juristische Wähler zu vermerken, 38% der Jurastudenten gaben ihre Stimmen an die CDU. Informatik- und Lehramtsstudenten waren jeweils mit 10% dabei. Im Gegensatz zu den führenden Parteien hält sich die Geschlechterverteilung die Waage mit einem leichten Überschuss weiblicher Wähler (51,3%). Gründe, die CDU zu wählen, beziehen sich auf die Pro-Europa- und die Wirtschaftspolitik. Darüber hinaus wird Angela Merkels Kurs gelobt, viele Studenten verweisen hierbei auf die souveräne Außenpolitik der letzten Jahre. Die Durchsetzung des Parteiprogramms wird als überwiegend realistisch und rational angesehen.

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Auch die Freien Demokraten erfreuen sich bei den Ingenieurstudenten großer Beliebtheit. 20% der Teilnehmer aus dem Ingenieurswesen vergaben ihre Stimme an diese Partei. Daneben stimmten 22% der teilnehmenden Anglistik-Studenten, jedoch kein einziger Politikstudent für die FDP. Zieht man die Geschlechterverteilung in Betracht, so zeigt sich auch hier mit 83,33% eine klare Dominanz männlicher Stimmen. Begründet wurde die Wahl mit der angebotenen Bildungspolitik der FDP und dem Versprechen, Start-Up-Unternehmen zu unterstützen. Weiterhin betonen die Befragten die liberale Haltung der Partei, die Bürgerrechte und den Einsatz für mehr Sicherheit in Deutschland.

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Wie zu erwarten, betonen die AfD-Wähler ihren Vertrauensverlust in die etablierten Parteien, sowie die konsequente Asyl- und Flüchtlingspolitik. Darüber hinaus erklären sich einige der Befragten als Protestwähler, die die unkritische Einstellung der Großparteien kritisieren. Auffallend ist die Tatsache, dass ein Viertel der teilnehmenden Jurastudenten ihre Stimmen an diese Partei vergaben, jedoch kamen 43% der AfD-Wähler aus dem Bereich Informatik. Auch hier zeigt sich mit 71% eine klare männliche Dominanz unter den Wählern.

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Sonstiges

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„Sonstiges“-Wähler sind im Durchschnitt eher männlich (58%) und bezeichnen sich selbst entweder als unentschlossen (16,6%), wollen gar nicht wählen (12,5%) oder ihre Stimme an eine andere Partei vergeben (16.6%) insbesondere an Die Partei (12,5%). Die übriggebliebenen 41,7% machten keine Angaben. Besonders auffallend ist auch hier wieder, dass ein Fünftel der teilnehmenden Politikstudenten hier ihre Stimmen abgaben.

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Bilanz

Zusammenfassend zeigt sich das Ergebnis ausgeglichen. Die Linken kristallisieren sich zwar als klare Gewinner heraus, jedoch erfolgt im Ranking ein dichtes Rennen zwischen den Großparteien CDU, SPD, die sich im Mittelfeld bewegen. Die AfD ist zwar weit abgeschlagen, jedoch sticht die überraschend hohe Zahl der „Sonstige“-Wähler heraus, die mit 11,6% noch über der FDP angesiedelt werden kann. Hier stellt sich die Frage, ob bzw. inwiefern das Vertrauen in die etablierten Parteien beschädigt ist. Darüber hinaus zeigt sich, trotz eines klaren Siegers, dass sich die Studenten an der Universität Bremen sehr uneinig über die Wahl der Parteien sind. Dies wird einerseits durch die enge Folge von Linken, Grünen, SPD und CDU deutlich, jedoch auch in den Kommentaren. Den meisten Teilnehmern geht es um soziale Sicherheit, ein solides, gerechtes, realistisches und durchsetzungsfähiges Parteiprogramm. Diese Kriterien schreiben alle Befragten ihrer jeweils gewählten Partei zu, wodurch sich folgende Frage stellt: Geht die Anzahl der Wähler in Deutschland deshalb so zurück, weil die Parteiprogramme sich immer mehr angleichen, es jedoch keine Partei schafft, ihre Ziele nach den Wünschen der Bevölkerung durchzusetzen? Dies würde zumindest erklären, warum die Linken, Grünen, SPD und CDU so knapp beieinanderliegen.

Zieht man darüber hinaus die Ziele in Betracht, dann überschneiden sich vor allem die Themengebiete soziale Gerechtigkeit, Flüchtlings- und Asylpolitik. Da ist es gut möglich, dass die Großparteien besonders die Stimmen junger Wähler beispielsweise an Die Partei verlieren. Diese befasst sich zwar ebenfalls Themen wie soziale Gerechtigkeit, nutzen aber eine radikalere Herangehensweise, als die Großparteien. Liest man sich das Parteiprogramm der Partei durch, erscheinen die Ziele mit der dargestellten Herangehensweise einerseits utopisch. Andererseits betonten einige der Teilnehmenden der Umfrage, dass sich die Herangehensweise der etablierten Parteien alles andere als effektiv erwiesen hat. Warum nicht etwas Neues ausprobieren, selbst wenn es noch so weit hergeholt erscheint?

Zum allgemeinen Interesse an der Hochschulpolitik

Das Interesse der Studierenden an der Hochschulpolitik

Das Ergebnis zum Thema Hochschulpolitik fällt, im Gegensatz zur Bundestagswahl, wesentlich widersprüchlicher aus. Eine starke Diskrepanz lässt sich zwischen dem allgemeinen Interesse an der Bremer Hochschulpolitik und dem Vorsatz, sich an den Studienratswahlen zu beteiligen, verzeichnen. 31,9% der Befragten geben demnach an, sich eher geringfügig für die Hochschulpolitik zu interessieren, dicht gefolgt von 30% der Teilnehmer, die sich im Mittelfeld positionieren; 19,4% kreuzten im Fragebogen „sehr geringes Interesse“ an. Nur 4,8% geben an, ein hohes Interesse zu haben. Die Ergebnisse zeugen von einer geringen Aufklärung über die Bremer Hochschulpolitik, welche wiederum aus einem vermeintlichen Desinteresse resultiert. Dass diese Schlussfolgerungen nur in Teilen zutreffen, verdeutlichen die Ergebnisse zu den Studienratswahlen.

Das Ergebnis deckt sich mit der Vermutung, dass viele nichts mit Hochschulpolitik anfangen können. Die allermeisten sind dem Thema zumindest nicht abgeneigt, aber nur mäßig interessiert. Jedem fünfte ist es ganz egal. Die sehr interessierten Personen lassen sich an zwei Händen abzählen.

Achtung: Am Sonntag, dem 24. September, sind die Bundestagswahlen. Nicht verpennen, denn jede Stimme zählt! Wir genießen das Privileg in einer Demokratie zu leben und die Möglichkeit zu haben, Einfluss auf die Politik zu nehmen. Also nehmt bitte euer Wahlrecht in Anspruch und tragt euren Anteil dazu bei, die Zukunft des Landes mitzugestalten. Lasst nicht andere für euch entscheiden! Schließlich geht es um unser Land, dem Land, in dem wir auch in künftig zufrieden leben wollen.

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