Schillernder Beruf, herbe Täuschung

Der Traum vom renommierten Forscher ist naiv. Bis zur Doktorarbeit ist es ein Kampf und nur wenige haben danach noch die Kraft, ihrem Traum nachzugehen. Das zeigt Karin Bodewitz in ihrem Roman „You must be very intelligent“. Dass der Traum vom Doktor nur eine illusionslose Täuschung ist, muss auch ihre Protagonistin schmerzhaft erfahren.

Von Christine Leitner 

Karin ist eine erfolgreiche Masterabsolventin und zieht voller Enthusiasmus nach Edinburgh, um dort ihren Traum zu verwirklichen. Den Traum einer erfolgreichen Wissenschaftlerin träumt sie schon lange und nun scheint er zum Greifen nah. Doch der Schein trügt. Denn bei ihrer Ankunft ist nichts so, wie es sich die junge Frau vorgestellt hat. Stattdessen beginnt mit dem ersten Tag und der verzweifelten Suche nach einem Schreibtisch der Kampf um den Erfolg und die Aufmerksamkeit der Professoren.

Obwohl Karin nicht aufgeben möchte, lässt ihre Motivation langsam aber stetig nach. Der zuständige Professor malträtiert seine Absolventen mit seinen Launen und Wutausbrüchen, drängt ihnen konfuse Forschungsaufgaben auf, die weder in ihren Forschungsbereich, noch in ihren Zeitplan passen. Ein Chaos ohnegleichen bricht über Karins Leben herein, als sie schließlich ihren Freund verlässt und sie beginnt, ihre Tätigkeit zu hinterfragen.

Nachlässiger Umgang in Sachen Forschung

Karin Bodewitz zeichnet das dunkle, aber realistische Bild einer anfänglichen Forscherkarriere. Dass die Protagonistin den gleichen Namen wie die Autorin trägt, erscheint wenig überraschend. Denn Bodewitz verwebt in ihrem Roman biographische Begebenheiten.

In ihrem Werk kritisiert die Autorin neben der Art und Weise, wie Studenten auf ihre Doktorarbeit vorbereitet werden, auch den Umgang in der Forschung. Sei es unter Kollegen, zwischen Doktorvater und Student oder das Themenfeld der Forschung selbst. Das weitverbreitete Bild der hochintellektuellen, klugen und etwas verpeilten Forscher bewahrheitet sich nicht. Stattdessen gewährt Bodewitz ihren Lesern einen erschütternden Blick hinter die Kulissen. Statt hoher Motivation herrscht Verdruss und wo Motivation über dem Verdruss steht, dort regieren Konkurrenz und Verlogenheit.

So darf Karin in ihrem ersten Jahr an der Universität ihren Doktorvater auf einen Kongress im Ausland begleiten. Voller Vorfreude begleitet sie ihn auf jeden Vortrag und wird bitter enttäuscht, denn keiner der Referenten präsentiert seine aktuellen Forschungsergebnisse. Und auch ihr Professor bläut ihr ein, keinem der Anwesenden von ihrer Forschung zu erzählen. Schließlich könnten Interessierte das Potenzial erkennen und schnellere Ergebnisse und damit auch Erfolg erzielen.

Wenn der Traum zum Kampf um Erfolg wird…

Auch, dass Forscher und Studenten, die auf ihren Doktor hinarbeiten, einsame Menschen sind, macht die Autorin in ihrem Roman deutlich. So trifft sich Karin immer häufiger nur noch mit Studenten, die in ähnlichen Forschungsfeldern zu tun haben. Sogar ihre Beziehung zerbricht an ihrer Arbeit, denn für Karin hat die Arbeit an ihrer Forschung einen hohen Stellenwert. Da sie aus einer Arbeiterfamilie stammt, ist ihr sehr daran gelegen, einen Doktortitel zu tragen – immerhin ist sie die einzige Akademikerin in ihrer Familie. Ihr Freund hingegen kann sich dem nicht öffnen. Er stammt aus einer Unternehmerfamilie und weiß nicht, was es heißt, sich etwas erkämpfen und erarbeiten zu müssen. Während Karin im Labor forscht und arbeitet, sitzt er den ganzen Tag in ihrer Wohnung und vertreibt sich die Zeit mit Nichtstun. Schließlich erträgt Karin das nicht länger und wirft ihn hinaus.

Von der Liebe zur Forschung

Von diesem Moment an, beginnt sie ein Leben, das sie zu Beginn ihres Studiums stets verachtet hat: Sie vernachlässigt ihre Arbeit und treibt sich stattdessen auf Partys herum. Auch ihrem Doktorvater gegenüber zeigt sie wenig Respekt, die Konflikte häufen sich und das Verhältnis zwischen den beiden verschlechtert sich zusehends.

Die anfänglich beinah übermäßig anmutende Motivation der Protagonistin springt auch auf den Leser über. Bodewitz verfügt über das besondere Talent, ihre Leser mit der Protagonistin mitfühlen und miterleben zu lassen. Ein Kritikpunkt, aber zugleich ein Lob: Denn der Leser geht nicht motiviert aus der Lektüre hervor. Stattdessen erdrückt einen ein Gefühl der Schwere, Trägheit und Erschöpfung. Lust auf die Doktorarbeit macht das Buch nicht. Doch wer sich wirklich für ein Thema interessiert und dafür hart arbeiten möchte, der sollte sich davon nicht abschrecken lassen.

Nicht zuletzt ist es ein hervorragender Roman, spannend geschrieben und überaus realitätsnah. Einige Stellen erscheinen fragwürdig und ein wenig verzerrt. Doch fällt dies erst bei näherer Betrachtung auf. Auf den ersten Blick jedoch steigert es nur die Dramatik der Geschichte und tut dem Roman keinen Abbruch.

You must be very intelligent – The PhD delusion, Karin Bodewitz, Roman, Springer Verlag, 2017.

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