Eine Lesung über das Land der Qualitäten und Superlative

Am 24. Oktober begeisterte der deutsche Comedian und Kleinkünstler Marc-Uwe Kling mehr als 1000 Bremerinnen und Bremer. Doch war es diesmal nicht das Känguru, das für so manchen herzhaften Lacher sorgte. Während seiner Lesung stellte Kling seinen neuen Satire-Roman „Qualityland“ vor. Frisch, frech und ein klein bisschen absurd.

Von Christine Leitner 

Maschinenverschrotter Peter Arbeitsloser hat oft das Gefühl, niemand sei für ihn da, niemand höre ihm zu, niemand interessiere sich für ihn. Das ist in „Qualityland“, dem Land der Superlative, in dem alle nach Erfolg, Ruhm und dem besten Partner streben, kein Wunder – wer möchte schließlich mit einem Menschen befreundet sein, dessen Vater arbeitslos war und der nach Beendigung seiner letzten Beziehung ins neunte Level abgerutscht ist? Es versteht sich von selbst, dass keiner der Elite etwas mit einem der Nutzlosen aus einem Level unter zehn zu tun haben möchte.

Das scheint Peter Arbeitsloser jedoch nicht weiter zu stören, hat er doch einen beträchtlichen Freundeskreis um sich versammelt, allesamt Maschinen mit einem Defekt. Diese passen natürlich genau so wenig in das System, wie Peter Arbeitsloser selbst, denn in Qualityland zählt nur, wer sich dem System bedingungslos anpasst und funktionsfähig ist. Doch als Peter Arbeitsloser einen rosa-farbenen Delfinvibrator zugesendet bekommt, den er nicht mehr zurückgeben kann, weil das System mithilfe eines Algorithmus errechnet hat, dass es sich bei der Bestellung um einen latenten Wunsch des Nutzers handelt, kommt Peter nicht mehr umhin, sich gegen die Ungerechtigkeiten des Systems aufzulehnen. Mithilfe seiner maschinellen Freunde findet er heraus, dass dem makellos scheinenden System ein markanter Fehler unterlaufen ist und beschließt, diesen Missstand an die Öffentlichkeit zu bringen.

Das Problem der Öffentlichkeit in der Filterblase

Dass dieses Unterfangen alles andere als einfach ist, bemerkt der Protagonist schnell. Denn in einer Welt, die von der Digitalisierung lebt und so zum einen Öffentlichkeit herstellen soll, jedoch zugleich die Anonymität nährt, ist es schwierig, den persönlichen Kontakt zu wichtigen Vertretern der wirtschaftlichen Branche herzustellen. Kling stellt hier einen wichtigen Widerspruch in den Mittelpunkt: Wie kann es sein, dass durch das ständige Preisgeben der eigenen Daten und der damit einhergehenden „Vergläserung“ der Menschen, es zugleich immer schwieriger wird, diese Personen zu erreichen?

Statt nahbar werden die Menschen unnahbar und weniger greifbar, gleichzeitig steigt ihre Verletzbarkeit. Denn trotz globaler Vernetzung durch die Digitalisierung, ist die Erreichbarkeit nicht jedem zugesichert. Wer mit wem in Kontakt tritt, bestimmt der Algorithmus und die Kaste, in die die Menschen nach dem errechneten Ergebnis gesteckt werden.

Personalisierung und Optimierung sind schön und gut. Was passiert aber, wenn jeder Mensch in seiner eigenen Filterblase lebt und alle nicht nur unterschiedliche Werbeanzeigen erhalten, sondern ebenso die Nachrichtenselektion personalisiert ist?

Auch Maschinen sind nur Menschen

Ebenso abstrus erscheint die Idee, dass die Menschen immer maschineller werden, während sich die Maschinen durch künstliche Intelligenz zu menschlichen Wesen mausern. Kling gelingt es hier, auf satirische Art und Weise einen Missstand aufzudecken, der nicht sofort ersichtlich ist. So wirft er die Frage auf, ob es moralisch und ethisch vertretbar ist, Maschinen für sich schuften zu lassen und auszubeuten, wenn diese schon selbst mehr Mensch als Maschine sind. Braucht es eine Maschinen-Ethik? In diesem Zusammenhang stellt der Autor auch die Unfehlbarkeit der Maschinen und Algorithmen in Frage.

Nicht nur Satire

Klings neuestes Werk ist nicht allein eine satirische Darstellung unserer Gesellschaft. Sie ist ein Portrait unserer eigenen Zukunft, die in Anbetracht der jetzigen Situation nicht einmal unwahrscheinlich erscheint und in Ansätzen sogar jetzt schon vorhanden ist. Wer Erfolg haben möchte, muss in den richtigen Haushalt hineingeboren werden. Bewertungen von Online-, Streaming- und anderen Diensten spielen auch jetzt schon eine große Rolle und wer sich auf dem globalen wirtschaftlichen Markt umsieht, der kann jetzt schon eine zunehmende Monopolisierung durch Internetriesen wie Amazon, Microsoft und Apple feststellen. Kling zeichnet ein ernstes Bild unserer Zukunft und verpackt Gefahren und Probleme in seiner satirischen und ironischen Art.

Ein durchweg gelungener Roman, der nicht nur unterhält, sondern ebenso zum Nachdenken anregt. Wieder einmal schafft es Kling, sich nicht nur über unser System lustig zu machen, sondern sich zugleich ernsthaft damit auseinanderzusetzen. Ein wichtiges Buch, das wichtige Fragen stellt und unangenehme Wahrheiten diskutiert.

QualityLand, Marc-Uwe Kling, Satireroman, Ullstein Verlag, Berlin 2017.

Anmerkung: QualityLand gibt es in zwei Ausgaben, eine mit dunklen und eine mit hellem Umschlag. Inhaltlich sind beide Versionen identisch, unterschiedlich sind lediglich die eingestreuten Werbetexte.

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