Zehn ukrainische Studierende in Bremen

Wie die auf tragische Weise verbundene Geschichte zweier Regionen nach über 70 Jahren dafür sorgt, dass Austausch entsteht.

Auf den Spuren nationalsozialistischer Zwangsarbeit begaben sich in der zweiten Oktoberwoche 2017 je zehn ukrainische und deutsche Studierende auf Reisen durch Nordwestdeutschland – an Tatorte, Orte der Dokumentation und des Erinnerns jenes weniger prominenten NS-Verbrechens.

Von Torben Fedderwitz

Nachdem im Sommersemester 2016 Bremer Studierende eine einwöchige Exkursion in die Ukraine unternommen hatten und dabei an der Nationalen V.O. Sukhomlynsky Universität in Nikolajew einen Workshop zu Deportation und Zwangsarbeit im Nationalsozialismus gestaltet hatten (Anm. d. Red.: Wir berichteten in Ausgabe 21, Seite 10-11), fand vom 08. bis zum 15. Oktober diesen Jahres nun der Gegenbesuch ukrainischer Studierender statt. An den Austausch von 2016 anknüpfend, hatte diese von Dr. Ulrike Huhn (Universität Bremen) und Dr. Anatolij Pogorielov (Nationale V.O. Sukhomlynsky Universität Nikolajew) organisierte Woche zum Ziel, Orte von NS-Zwangsarbeit aufzusuchen und dabei auch verschiedene Gedenkkulturen in der Ukraine und Deutschland zu reflektieren. Eine weitere verbindende Ebene dieser Begegnung ergab sich aus Bremens Rolle als einem der rüstungsintensivsten Standorte des „Dritten Reiches“, in dem zur Versorgung der ansässigen Industrien ein umfassendes Netzwerk aus Lagern für ZwangsarbeiterInnen bestand. Ein großer Teil dieser kam aus den okkupierten Gebieten der Sowjetunion und damit auch aus der Ukraine und einige aus der Region Nikolajew.

Bremen und Nikolajew – wie passt das zusammen?

Im Zentrum der gemeinsamen Woche stand ein Workshop in der Bremer Landeszentrale für Politische Bildung, in dessen Rahmen Studierende aus Bremen und Nikolajew eigene Forschungsarbeiten zur Zwangsarbeit vorstellten. Das präsentierte Material stieß auf großes Interesse sowohl bei den anwesenden MitarbeiterInnen vom Denkort „Bunker Valentin“, wie auch weiteren, oft aus eigener Initiative zum Thema NS-Zwangsarbeit forschenden HistorikerInnen und LehrerInnen. Die Beiträge der Bremer Studierenden stützten sich auf hier verfügbare Unterlagen und Archivmaterialien und fokussierten insbesondere die Topographie der Lager und Arbeitsorte in Bremen aber auch die Biographie eines Lagerarztes in Bremen-Farge, eines Täters. Die Beiträge der ukrainischen Studierenden beleuchteten ausgewählte Einzelschicksale, insbesondere von Zwangsarbeiterinnen, die aus der Region Nikolajew zur Zwangsarbeit nach Bremen deportiert worden waren, und rückten somit die individuellen Erfahrungen der Opfer in den Vordergrund.

Der Eindruck, dass sich die Bremer und Nikolajewer Bestände und Perspektiven ergänzen und gewonnene Ergebnisse zusammengeführt werden sollten, wurde abgerundet durch einen Vortrag von Dr. Anatolij Pogorielov. Dieser skizzierte insbesondere, welches Potential die Archivbestände des Staatsarchivs des Gebiets Nikolajew bergen, um die Dimensionen von Zwangsarbeit und (Zwangs-)Migration im besetzten Europa von 1942 bis 1945 weiter zu erforschen.

Besuche von Gedenkorten

Ein Besuch im Bremer Staatsarchiv am gleichen Tag bot neben dem Einblick in Bremer Archivmaterial auch die Möglichkeit, mit Persönlichkeiten zusammenzukommen, die sich seit langem der lokalen Erforschung von Zwangsarbeit in Bremen widmen. Besonders eindrücklich waren auch die heute im Staatsarchiv ausgestellten großformatigen Wandbilder, die während des Krieges von französischen Kriegsgefangenen in ihrer Baracke im Bremer Holz- und Fabrikenhafen angefertigt wurden1. Sie sind eines der wenigen heute in Bremen erhaltenen und ausgestellten Relikte der im „Dritten Reich“ alltäglichen Zwangsarbeit.

In der Woche standen aber auch Besuche an weiteren Erinnerungsorten zu NS-Zwangsarbeit in Norddeutschland auf dem Programm, neben dem Denkort Bunker Valentin in Bremen-Nord, auch die die Hamburger Gedenkstätte am Ort des früheren Konzentrationslagers Neuengamme, sowie das ehemalige Arbeitserziehungslager „Augustaschacht“ bei Osnabrück. Insbesondere für unsere ukrainischen Besucher, die nun die Orte sehen konnten, deren Namen sie bereits aus den Akten des Staatsarchivs Nikolajew kannten, bot dies zahlreiche neue Anknüpfungspunkte. Vor allem der Besuch des Bunkers Valentin, jenes von Zwangsarbeitern gebauten stummen Zeugen im äußersten Bremer Norden, war ein ergreifender Moment, insbesondere auch für die ukrainischen Gäste, die sichtlich bewegt waren vor der Geschichte, aber auch den Dimensionen des Ortes.

Mehr zu den Wandbildern französischer Gefangener findet ihr hier!

Augenblicke

Neben aller Beschäftigung mit Vergangenem, wurden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer immer auch wieder von der Gegenwart eingeholt – und manchmal ein Stück weit mit in die Zukunft getragen.

Wie es sei, in Deutschland zu studieren, ob es leicht sei, in der Ukraine Archivmaterialien einzusehen und natürlich auch, was man plane, irgendwann einmal zu machen, waren Gesprächsthemen, die sich um Kaffeepausen, Zugfahrten und gemeinsamen Kartenspielen herum ergaben. Und was war das noch gleich für ein Jahrmarkt? „Freimarkt“? Ah!

So führte diese Woche der intensiven Beschäftigung mit dem historischen Thema der NS-Zwangsarbeit zu der paradoxen Erfahrung, dass der Gegenstand zugleich Anlass für einen heutigen offenen und interessierten Austausch zwischen jungen Ukrainern und Deutschen bot. In diesem Sinne: Auf bald! Man sieht sich immer zweimal im Leben.

Ein seminarbegleitender Film, der die vielen Eindrücke dieser Woche eingefangen hat, sowie das vollständige Seminarprogramm können eingesehen werden unter https://bremkraine.hypotheses.org/, einem Blog, das nach der Reise Bremer Studierender in die Ukraine nun auch den Rückbesuch der ukrainischen Seite dokumentiert.

Titelbild: Anatolij Pogorielov

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