Wintergeflüster

Kapitel 7

Von Danielle Cikryt

Sie starrte mich mit großen Augen an. Mit einer Antwort hatte ich nicht gerechnet, wusste nicht einmal genau, warum ich gefragt hatte. Aber dass sie so erstarrte, wunderte mich etwas. Ich fragte erneut: „Wer ist Bernd Gruber?“. Wieder nichts. Ich musterte sie. So genau hatte ich sie schon lange nicht betrachtet. Ihre Haare waren grau geworden nachdem meine Schwester verschwand. Viele Falten zierten seither ihr Gesicht und sie sah sehr verbraucht aus, müde und erschöpft. Vielleicht erging es ihr ja ähnlich wie mir und auch sie wollte nicht mehr? Vielleicht hatten wir deswegen in letzter Zeit kaum ein Wort miteinander gewechselt.

Dann setzte sie an und stammelte irgendetwas, das ich nicht ganz verstehen konnte. Ich konnte nur Satzfetzen wie „woher“ oder „wie“ vernehmen. Meine wohlgesonnenen Gedanken waren vergessen: Sich kaum für mich interessieren und wenn ich sie dann mal brauchte, wenn ich Antworten brauchte, nicht für mich da sein – typisch für meine Mutter. Ich ging einen Schritt auf sie zu und ich glaubte Angst in ihrem Gesicht zu lesen. Hatte sie Angst vor mir? Angst, weil ich ihr auf die Schliche gekommen war? Sie kannte Bernd Gruber, das stand fest. War sie in die Entführung verwickelt? Hatte sie ihn vielleicht sogar beauftragt, damit die Familie zerbrechen würde und sie eine Ausrede hätte, um mit ihrem Lover durchzubrennen? Welche Rolle spielte meine Mutter in all dem? Alle diese Fragen schwirrten mir durch den Kopf und ich brauchte Antworten. Heute Morgen wollte ich nichts sehnlicher, als über nichts mehr nachdenken zu müssen, nichts mehr fühlen zu müssen und jetzt dachte und fühlte ich so viel, wie schon lange nicht mehr. Ich wollte Antworten, mehr als alles auf der Welt.

Was war wirklich mit meiner Schwester geschehen und was hatte meine Mutter damit zu tun? Mir wurde klar, dass ich diese Frau überhaupt nicht kannte. Sie war mir gänzlich fremd, wie sie da so stand und mich ängstlich und geschockt mit großen Augen anstarrte. Ich wusste nur, dass sie nicht unschuldig war. Ich ging noch einen Schritt auf sie zu. Sie sagte noch immer nichts und ich wurde wütend. „Was hast du getan?!“, schrie ich sie an. Nichts. Tränen liefen ihr über die Wange, aber sie sagte nichts. „Was hast du ihr angetan?!“, schrie ich. Die Tränen strömten ihr über das Gesicht. Ihr Schweigen tat weh. Ich wusste nicht, wie ich es deuten sollte. Was wollte sie mir damit sagen? Konnte sie mir nicht die Antworten geben, die ich so schmerzlichst brauchte? Ich starrte sie eindringlich an „Ich wollte das alles nicht“, stammelte sie schließlich. Ich hatte meinen Beweis.

„Du bist Schuld. Du hast sie entführen und umbringen lassen, gib es zu! Was hat dich an ihr gestört, hat sie das Bild der perfekten Familie zerstört, weil sie so dickköpfig war und sich nicht an alle Regeln gehalten hat? Was war dein Problem? Warum konntest du sie nicht in Ruhe lassen?!“, ich ließ meinen Gedanken freien Lauf. Meine Mutter weinte jedoch nur und sagte nichts. Wortlos rannte ich die Treppe hoch, zog mir eine Jacke an, griff mein Handy und wollte gerade wieder gehen, als meine Mutter vor mir stand: „Wo willst du hin?“ Auf einmal interessierte sie sich für mich? „Ich gehe weg von dir und deinem Freund und dem Chaos, das du anrichtest und das du angerichtet hast. Ich werde allen davon erzählen, hörst du? Ich werde allen erzählen, was du ihr angetan hast“. „Ich? Was ich ihr angetan habe? Vielleicht solltest du lieber überlegen, was du ihr angetan hast!“, entgegnete sie. Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Ich hätte nicht mit ihr die Bergspitze hochgehen sollen, ja, aber offensichtlich steckte ja viel mehr dahinter, als meine Mutter zugeben wollte und sie war ganz gewiss nicht unschuldig. Ich wollte hier nicht bleiben. Ich wollte nur noch weg und meiner Mutter nie wieder unter die Augen treten müssen. Ich drängte mich an ihr vorbei. Sie packte mich am Arm und schaute mich wütend und zugleich traurig an, so als wolle sie trotz allem nicht, dass ich gehe. Ich entriss mich ihrem Griff, drehte mich um, spürte ihre Hände in meinem Rücken und schrie. Heute Morgen wollte, aber konnte ich mich nicht über das Geländer stürzen und nun konnte ich, aber wollte nicht.

Auf einen dumpfen Aufprall folgte das schlagartige Öffnen der Tür. Zwei bekannte Gesichter stürmten herein. Sie wurden von einem süßlichen Geruch nach Keksen, Lebkuchen und einem Hauch Mandarine empfangen. Kleine Rentiere standen am Eingang, Weihnachten stand vor der Tür und wie immer hatte sich die Frau des Hauses, trotz der schwierigen Umstände, viel Mühe gegeben, das Haus zu dekorieren, um zumindest dem Kleinsten der Familie ein schönes Weihnachtsfest zu bescheren. Überall hingen kleine Girlanden in rot, gold und weiß. Sofort fielen die bunten, offensichtlich handgefertigten Adventskalender ins Auge. Eine Schüssel voller Süßigkeiten stand neben der Haustür und eine im Flur, der Traum eines jeden Kindes zu dieser Jahreszeit. Eine angenehme Wärme umgab den Raum, wäre da nicht diese kalte Stille, die den Raum gänzlich einnahm. Sie erwarteten das Schlimmste.

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