Ein unsterbliches Genre

Musikgenres im Schatten des Mainstreams – Teil 3: Zeitgenössische Klassik

Der ScheinWerfer stellt euch acht Vertreter der zeitgenössischen Klassik etwas genauer vor.

Von Florian Fabozzi

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Beim Stichwort „Klassik“ denken viele von uns an Namen der Wiener Klassik wie etwa Beethoven und Mozart, an Baroque-Komponisten wie Bach oder Romantiker wie Tschaikowsky. Personen aus vergangenen Jahrhunderten, die allesamt längst das Zeitliche gesegnet haben. Die Trennschärfe zwischen Komponisten von zeitgenössischer Klassik und Filmkomponisten ist dabei niedrig.

Selbstverständlich bedienen sich auch Filmkomponisten klassischer Elemente und auch zeitgenössische Klassikkomponisten komponieren gelegentlich Soundtracks für Spielfilme. Die Musik der Letzteren hat jedoch eher einen Tendenz zum Minimalismus, die Künstler gehen sparsamer mit dem Einsatz von elektronischer Technik um. Vor allem ist sie ruhig, subtiler, ganz anders als so mancher epischer Filmsoundtrack, der uns in vielen Blockbustern begegnet.

Zeitgenössische Klassik lastet oft der Ruf an einfallslos oder nur ein müder Abklatsch vergangener Meisterwerke zu sein. Doch dem widerspricht der Komponist Ludovico Einaudi, denn: “Nicht jeder Komponist muss originell sein. Wir alle übernehmen etwas von anderen und geben etwas weiter. Meine Aufgabe ist es, die Sprache der Musik mit meiner Zeit zu synchronisieren.

Einaudi ist einer der acht Komponisten, die wir in diesem Artikel vorstellen. Acht Komponisten, die sich der Neoklassik verschrieben und in der Szene ihren Fußabdruck hinterlassen haben.

Ólafur Arnalds

Geboren: 3. November 1986

Aus: Mosfellsbær, Island

Ólafur Arnalds ist Multiinstrumentalist und gilt als eines der größten Talente in der instrumentalen Musikszene.

Mit 21 Jahren veröffentlicht er sein Debütalbum „Eulogy for Evolution“, das in der Presse großen Anklang findet. Ein elegisches und fast schon schmerzhaft schönes Album.

Arnalds geht gerne Kooperationen mit anderen Künstlern ein. So entstand eine Neuinterpretation von Stücken von Frederic Chopin mit der deutsch-japanischen Violinistin Alice-Sara Ott. Eine Besonderheit bei dem Album ist die Authentizität der Produktion. Alles sollte „roh“ klingen, wie live im Wohnzimmer produziert, deshalb ließen sie bewusst Störgeräusche einfließen, wie beispielsweise das Betätigen des Fußpedals vom Klavier.

In seinen Werken halten neben dem Piano auch Instrumente wie Cello und Kontrabass Einzug, was gerade live sehr beeindruckt. Dabei wirkt er auf der Bühne zumeist so, als sei Arnalds in seiner Musik geradezu versunken.

Auch als Serienkomponist hat Arnalds bereits Erfahrungen gemacht. So ist er hauptverantwortlich für den Soundtrack der britischen Krimiserie „Broadchurch“.

 

Ludovico Einaudi

Geboren: 23. November 1955

Aus: Turin, Italien

© Jörgens.mi / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Ludovico Einaudi ist der bekannteste Pianist Italiens.

In den Achtzigerjahren spielt er sich als Komponist heimischer Theaterstücke und Spielfilme ins Rampenlicht, Mitte der Neunziger beginnt er Solo-Klavier-Alben zu produzieren.

Seinen Stil bezeichnet er als minimalistisch und elegant, häufig empfindet der Hörer sie als introspektiv und entspannend. Als sein bestes Album gilt das 2006 erschienene “Divenire”, das er gemeinsam mit dem Royal Liverpool Philharmonic Orchestra aufnahm. Seine leicht zugänglichen Stücke kommen vor allem in Großbritannien und Frankreich sehr gut an.

Für die berühmte und preisgekrönte französischen Tragikomödie “Ziemlich beste Freunde” steuerte er den Soundtrack bei.

 

Nils Frahm

Geboren: 20. September 1982

Aus: Hamburg, Deutschland

© Claudia Gödke / CC-BY-SA-4.0 (via Wikimedia Commons)

Nils Frahm ist einer der experimentellsten Köpfe der heutigen Klassikszene.

Als Klavierfanatiker ist er im Besitz zahlreicher älterer und neuerer Klaviere und Synthesizern. Diese präpariert er gerne mit Pflastern oder Filz, um den Sound zu verändern und statt mit den Fingern spielt er seine Instrumente gelegentlich mit einer Klobürste.

Sein Handwerk gelernt hat er beim russischen Pianisten Nahum Brodski, der seinerseits Schüler eines der letzte Tschaikowsky-Schülers war. Mit seiner intimen und nach innen gekehrten Musik erregt Frahm auch bei seinen Kollegen Aufmerksamkeit. Er freundete sich mit Olafur Arnalds (siehe oben) an und kollaborierte mit ihm in mehreren Projekten. 2015 komponierte er den Soundtrack für das Drama “Victoria”.

Frahm ist Gründer des Piano Days, einen Tag zum Ehren seines liebsten Instruments: Dem Klavier.

 

Philip Glass

Geboren: 31. Januar 1937

Aus: Baltimore, USA

WNYC New York Public Radio / CC-BY-SA-2.0

Glass ist eine Legende der zeitgenössischen Klassik und gilt als Begründer der „Minimal Music“, einer Stilrichtung, bei der kleine, wenig variierte Klangeinheiten mehrmals wiederholt werden.

Inspiration erhält er unter anderem während seiner Asienreisen. Sein Stil ist daher auch geprägt von traditioneller indischer Musik, deren hypnotische Elemente und Rhythmusverständis er mit westlichen Hörgewohnheiten in Einklang zu bringen versucht. Sein Stil wird bis heute mehrfach nachgeahmt, etwa für Fernsehserien oder in Werbe-Jingles. Regisseur Peter Sellars beschreibt die Wirkung von Glass’ Musik einst so: „Es ist ein bisschen wie bei einer Zugfahrt einmal quer durch Amerika: Wenn Sie aus dem Fenster sehen, scheint sich stundenlang nichts zu verändern, doch wenn Sie genau hinsehen, bemerken Sie, dass sich die Landschaft sehr wohl verändert – langsam, fast unmerklich.“

Glass ist auch mehrfach als Filmkomponist tätig, beispielsweise für den Experimentalfilm Koyaanisqatsi, The Hours oder zuletzt Fantastic Four. Für den Soundtrack der Mediensatire Truman Show gewinnt er den Golden Globe.

Glass ist einer der produktivsten Komponisten der Gegenwart. So hat er in den letzten 25 Jahren neben Filmsoundtracks mehr als 20 Opern und neun Symphonien produziert. Viele seiner Opern sind inspiriert von literarischen Werken von Autoren wie Kafka oder Poe.

 

Jóhann Jóhannsson

Geboren: 19. September 1969

Gestorben: 9. Februar 2018 in Berlin

Aus: Reykjavik, Island

© Sachyn Mital / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Jóhann Jóhannsson beginnt seine Laufbahn als Komponist für isländische Theaterproduktionen. Seine besten Theaterkompositionen fasst er 2002 in seinem Debütalbum “Englaborn” zusammen. Als Nebenprojekt gründet er die Electronicband „Apparat Organ Quartet“, bei dem er mit dem Einsatz von Roboterstimmen experimentierte, die er später zum Teil auch in seinen Solo-Projekten verwendet. Hauptsächlich widmet er sich jedoch der Instrumentalmusik. Durch Einsatz von Glockenspiel und Orgel erzeugt er oft majestätisch anmutende Klangmuster. In seinem neuesten Album “Orphee” nutzt er darüber hinaus Chorgesänge.

Dem breiten Publikum ist Jóhannsson als Filmkomponist in Hollywood bekannt. Er war bereits zwei mal für den Oscar nominiert und gewann den Golden Globe für den Soundtrack der Hawking-Biografie “Die Entdeckung der Unendlichkeit”. Den mehrfach ausgezeichneten Film “Arrival” bereichert er ebenfalls mit seiner Musik.

Völlig überraschend wurde Jóhannsson am 9. Februar tot in seiner Wohnung in Berlin aufgefunden. Jóhannsson galt nicht als krank und hatte erst zuletzt die Soundtracks zu drei weiteren Filmen fertiggestellt.  Die Todesursachen sind bisher (Stand: 21.2.2018) ungeklärt.

 

Max Richter

Geboren: 22. Marz 1966

Aus: Hameln, Deutschland

© Henry W. Laurisch / CC-BY-SA-3.0 (via Wikimedia Commons)

Der deutschstämmige Brite studierte in der Royal Academy of Music in London, einer der renommiertesten Musikhochschulen in Europa, und gründet anschließend das sechsköpfige Ensemble “Piano Circus”, mit denen er fünf Alben innerhalb zehn Jahren aufnimmt.

Richter verbindet Elemente aus der Ambientemusik mit der typischen Instrumentierung aus der Kammermusik. Er versteht Musik als ein Zusammenspiel aus Farben, Klängen und Gefühlen.

Max Richter komponiert den Soundtrack für den Thriller “Shutter Island”. Das berühmteste Stück “On The Nature of Daylight” wird fortan in zahlreichen weiteren Filmen verwendet. Zuletzt wendet sich Richter, der aktuell in Berlin lebt, der musikalischen Untermalung von TV-Serien zu.

 

Kjartan Sveinsson

Geboren: 2. Januar 1978

Aus: Island

© Shimelle Laine / CC-BY-SA-2.0 (via Wikimedia Commons)

Ein Geheimtipp in der Neoklassikszene ist Kjartan Sveinnsson. Geheim auch deshalb, weil Sveinsson erst vor wenigen Jahren als klassischer Komponist in Erscheinung trat. Von 1994 bis 2013 ist er Keyboarder der Post-Rock-Band Sigur Rós, lässt aber auch da schon sein Gespür für Melodien erkennen.

2014 beginnt er sein, nach eigenen Angaben, „ambitoniertestes musikalisches Werk“, als er das isländische Theaterstück „Der Klang der Offenbarung des Göttlichen“ vertonte. Ein Stück über einen von Selbstzweifeln und Hoffnungslosigkeit geplagten Poeten, der in den isländischen Landschaften seinen Lebenssinn und seine Inspiration wiederfindet.

Sveinssons musikalische Untermalung ist romantisch, himmlisch und sakral, was auch auf die Kirchenchöre zurückzuführen sind, die dort zu hören sind. Im Kombination mit Bildern von weiten, unberührten Landschaften entfacht der Soundtrack eine einzigartige Wirkung.

 

Yann Tiersen

Geboren: 23. Juni 1970

© Paul Glaser / CC-BY-SA-2.0 (via Wikimedia Commons)

Aus: Brest, Frankreich

Yann Tiersen ist ein wahres Ausnahmetalent: Schon mit sechs Jahren lernt er Geige und Klavier und beherrscht heute so gut wie jedes Instrument. Folgerichtig spielt er in seinen Werken meistens alle Instrumente selbst – wie in einem „Ein-Mann-Orchester“. Tiersens Stil ist vielseitig, er verbindet klassische Musik mit französischen Folk-Elementen. Seine feinfühligen Kompositionen wecken Erinnerungen an Romantiker wie Chopin. Seine minimalistischen Werke mit sich wiederholenden Klangfolgen erinnern dagegen an Philipp Glass. Tiersen distanziert sich von musikalischen Regeln und Theorien, er folgt beim Spielen seinem Instinkt.

Weltweite Bekanntheit erlangt Tiersen 2001 durch den verträumt schönen Soundtrack für “Die fabelhafte Welt der Amélie“. Das bekannteste Stück „Comptine d’un autre éte, l’apres-midi“ schafft es sogar in die deutschen Singlecharts und ist bis heute eines der meist gespielten Instrumentalstücke. Mit dem ebenfalls hochgelobten Soundtrack für den Erfolgsfilm „Goodbye Lenin“ kann er seinen Erfolg bestätigen.

Von Florian Fabozzi

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Neugierig geworden? Der ScheinWerfer hat für euch eine Spotify-Playlist mit 60 besonders hörenswerten Stücke der zeitgenössischen Klassik zusammengestellt. Viel Spaß beim Reinhören!

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