40 Tage Leiden oder 40 Tage Vorfreude?

Viele Menschen verzichten, weil sie es müssen. Wir, die im Überfluss leben, müssen es nicht. Wir kennen den Begriff, sind aber nicht gezwungen, damit zu leben. Vermutlich ernte ich deshalb in den Tagen vor Ostern verständnislose bis entsetzte Blicke, wenn ich mal eine Süßigkeit oder den ein oder anderen Fernsehabend ablehne, weil ich auf diesen Luxus verzichten möchte.

Von Christine Leitner

Vierzig Tage können schnell vorbei sein, vor allem dann, wenn in dieser Zeit mehrere Hausarbeiten zu schreiben sind. Vierzig Tage können sich aber auch scheinbar endlos ziehen, etwa wenn man sehnsüchtig darauf wartet, dass das Ergebnis der Arbeiten endlich auf Pabo veröffentlicht wird und man sich täglich in dem Online-Portal einloggt, um nachzusehen, ob der Dozent nicht doch schon schneller war. Aber das steigert nur unnötig die Aufregung. Sollte man nicht lieber darauf verzichten? Wenigstens für einen Tag? Verzichten. Ein Wort, das sich nicht schön anhört. Fasten hört sich für die meisten viel zu streng an und macht für die meisten auch keinen Sinn. Warum sollte ich auf Dinge verzichten, die mir im Überfluss geboten werden? Das macht genau so wenig Sinn, wie die angebotene Schokotorte auszuschlagen, wenn ich bei meiner Freundin zu Besuch bin. Viele irritiert es auch, dass ich die Fastenzeit vor Ostern aus religiösen Gründen wahrnehme. Und nicht zuletzt haben die meisten ein vollkommen falsches Bild von dieser Zeit. Erst letzten Samstag fragte mich eine Freundin, ob ich nicht langsam Hunger hätte. Da war ich es, die sie verständnislos anblickte. Schließlich stellte sich heraus, dass sie der Meinung war, ich würde 40 Tage lang gar nicht essen und ich musste herzlich lachen. Gar nichts ist übertrieben, ich konsumiere weniger, denn weniger ist bekanntlich mehr.

Fastenzeit – Ein Disziplinarverfahren?

Fasten hat viel mit Disziplin zu tun, besonders wenn man so gar nicht daran gewöhnt ist, mal nicht in die Schreibtischschublade zu greifen, um sich einen Schokoriegel als Nervennahrung zu gönnen. Man lernt in dieser Zeit, sich selbst ein wenig zu mäßigen, auf Alternativen zurückzugreifen, sich in Geduld zu üben. Ich wage sogar zu behaupten, dass man damit sich selbst ein wenig besser kennenlernt, denn über viele Dinge, die wir tun, denken wir gar nicht mehr nach und überlegen überhaupt nicht, warum wir dies oder jenes tun. Nicht zuletzt kann es auch ein befreiendes Gefühl sein, den inneren Schweinehund überwunden zu haben.

In der Fastenzeit lernen wir, uns selbst zu mäßigen

Grübel über Übel?

Fasten bringt einen dazu, nachzudenken. Wenn meine Gedanken die ganze Zeit um den Gegenstand kreisen, auf den ich gerade verzichte, stelle ich mit der Zeit vielleicht sogar fest, dass ich ohne Süßigkeiten, ohne Fleisch, mit weniger Zeit am Handy oder vor dem Fernseher viel effektiver, gesünder, zeitsparender und besser lebe. Ich stelle fest, dass ich all das gar nicht unbedingt brauche, sondern dass ich abends viel ruhiger einschlafen kann, wenn ich anstelle eines flimmernden Bildschirms ein weißes Blatt mit schwarzen Buchstaben vor der Nase habe. Oder dass ich mich gesünder fühle, wenn ich ab und an die Gummibärchentüte in der Schublade lasse und stattdessen einen Griff in den Obstkorb tätige.

Aufwerten statt verwerten

Fasten wertet auf. Wir brauchen uns keine Gedanken darüber zu machen, wann das nächste Essen auf dem Tisch steht. So selbstverständlich wie für uns sind regelmäßige Mahlzeiten jedoch nicht für alle. Während Millionen von Menschen jeden Groschen dreimal umdrehen, bevor sie sich die ein oder andere Sache leisten, gehen wir in den Supermarkt, kaufen das, was wir angeblich brauchen und achten selten auf den Preis. Erinnern wir uns an das Diddl-Papier, das man als Grundschülerin so gern gesammelt hat. Ein einziges Blatt war viel mehr wert als ein ganzer Block, weshalb es beim Tauschen immer heiß herging und Mädchen mit ganzen Blöcken immer beneidet wurden. Ein Blatt, das nur ein einziges Mal in der Diddl-Mappe war, gab man sehr ungern her, hatte man einen ganzen Block, verschwendete man das ganze Papier, indem man es an alle seine Freunde verschenkte – für die das Geschenk wiederum ein Unikat blieb. Wir haben einfach zu viel. Zu viele Serien auf Netflix, zu viele Klamotten, zu viel zu essen, im Vergleich zu anderen Menschen zu viel Geld. Und weil wir genug zu Verfügung haben, machen wir uns keine Gedanken mehr über den Wert.

Freud trotz Leid

Irgendwie haben alle den Gedanken im Kopf, mit der Fastenzeit würde die Freude durch den Ernst abgelöst werden. Und wehe dem, der in diesen 40 Tagen ein einziges Mal lacht oder sich anderweitig amüsiert! Aber wer so denkt, der hat ein gänzlich falsches Bild im Kopf, denn die Fastenzeit ist eine Zeit der Freude. Um genau zu sein eine Zeit der Vorfreude, denn wer freut sich nach einer langen Zeit der Enthaltsamkeit nicht darauf, wieder in einen Schokoriegel zu beißen oder sich die Nächte vor dem Fernseher um die Ohren zu schlagen? Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude.

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