Die große ScheinWerfer-Oscarprognose

In der Nacht vom Sonntag auf Montag werden in Los Angeles zum 90. Mal die Oscars verliehen. Nicht nur des Jubiläums wegen eine besondere Verleihung, denn die diesjährigen Oscars werden mehr denn je von starken Frauenpersönlichkeiten bestimmt. Das ScheinWerfer-Orakel wagt eine Prognose zu den wichtigsten Kategorien.

Von Florian Fabozzi

Die Golden Globes im Januar standen ganz in Zeichen der #metoo-Debatte. Ein Großteil der Anwesenden Frauen erschienen in schwarzen Kleidern gehüllt, um ihre Solidarität für weibliche Missbrauchsopfer zu signalisieren. Ob es in bei der anstehenden Oscar-Verleihung einen vergleichbaren „Dresscode“ gibt, ist nicht bekannt, doch eine weibliche Dominanz bei den Verleihungen ist nicht von der Hand zu weisen. In „Die Verlegerin“ etwa spielt Filmelegende Meryil Streep die taffe Verlegerin Kay Graham, die gegen allen Widerstand die Pentagon-Papiere an die Öffentlichkeit bringen möchte. Three Billboards Outside Ebbing, Missouri dagegen handelt von einer Mutter, die nach der Ermordung ihrer Tochter mit allen Mitteln um Gerechtigkeit kämpft. Zudem darf sich mit Rachel Morrison erstmals eine Frau über eine Nominierung in der Kategorie „Beste Kamera“ freuen.
Wer heute Nacht auf Casey Affleck wartet, der wartet vergebens. Als letztjähriger Gewinner der Kategorie „Bester Hauptdarsteller“ sollte er dieses Jahr gemäß der Tradition die beste Hauptdarstellerin küren. Von Vorwürfen der sexuellen Belästigung belastet, bleibt er der Verleihung allerdings freiwillig fern. Angesichts des derzeitigen Klimas in Hollywood wohl eine weise Entscheidung.
Auf Rekordjagd wird am Sonntag Guillermo del Toros „Shape of Water“ gehen. Die romantische Liebesgeschichte zwischen einer stummen Frau und eines Echsenmannes wurde gleich 13 Mal für den begehrten Goldjungen nominiert und hat damit die Chance den Rekord von 11 gewonnen Oscars zu knacken. Bisherige Rekordträger sind Ben Hur (1959), Titanic (1997) und der dritte Teil von Herr der Ringe (2013).
Wir holen die Glaskugel hevor und tippen die Gewinner der wichtigsten Kategorien!

Bester Film
In der Königskategorie “Bester Film” geht man von einem Zweikampf zwischen Shape of Water und Three Billboards Outside Ebbing aus. Das melancholische Liebesdrama Shape of Water überzeugt mit großartigen und märchenhaften Kulissen. Außerdem werden Themen wie Sexismus deutlich in den Vordergrund gestellt. Die erotischen Szenen zwischen Mensch und Echsenmensch, die an Sodomie erinnern können, und die Nichtnominierung für die prestigeträchtigen Screen Actors Guild Award sprechen dabei gegen einen Sieg von Shape of Water.
Three Billboards Outside Ebbing ist der krasse Gegenentwurf zu Shape of Water. In der schwarzen Tragikomödie sucht eine Mutter nach Vergeltung für den Tod ihrer Tochter und findet in den Polizeichef einen Sündenbock. In Three Billboards gehen derber Humor und Gewaltszenen Hand in Hand, die vielschichtigen Charaktere sind ein weiterer Pluspunkt. Der Film wurde allerdings nicht in der Kategorie “Beste Regie” nominiert, was die Wahl zum besten Film erfahrungsgemäß etwas unwahrscheinlich macht. Auch waren die Expertenmeinungen zu diesem Streifen eher gespalten.
Mit Außenseiterchancen geht der Überraschungsthriller Get Out an den Start, der Rassismus in ein ganz neues Licht rückt. Wenn ein Film den beiden Favoriten den Sieg streitig machen kann, dann ist es Get Out.
Die weiteren nominierten Filme: Dunkirk, Lady Bird, Call me by Your Name, Der seidene Faden, Die Verlegerin und Die dunkelste Stunde.

ScheinWerfer-Orakel: Shape of Water macht das Rennen!


 

Beste Regie
Die Wahl der besten Regie sollte auf den mexikanischen “Shape of Water”-Regisseur Guillermo Del Toro fallen, der so gut wie alle vorherigen Awards für den Film gewann und in Hollywood ein hohes Ansehen genießt.
Vielleicht kann Greta Gerwig, Regisseurin des Coming-of-Age-Dramas “Ladybird” für eine Überraschung sorgen, schließlich wurden in der Vergangenheit nur selten Frauen für diese Kategorie nominiert und Hollywood könnte mit der Wahl von Gerwig versuchen, eine Signalwirkung zu erzielen.
Die anderen Nominierten: Paul Thomas Anderson (Der seidene Faden), Jordan Peele (Get Out) Christopher Nolan (Dunkirk)

ScheinWerfer-Orakel: Klare Sache für Guillermo del Toro


 

Bester Hauptdarsteller
Vertraut man den Wettanbietern ist die Wahl des besten Hauptdarstellers derart klar, dass sich die anderen Nominierten die Reise nach Los Angeles eigentlich sparen könnten. Es führt wohl kein Weg an Gary Oldman vorbei, der den ehemaligen britischen Premierminister Winston Churchill in der Filmbiografie “Darkest Hour” äußerst authentisch zum Leben erweckt.
So etwas wie der Fanliebling ist Timothee Chalamet, der in der Queer Romanze “Call me by your name” seinen ungezwungen und natürlichen Charme spielen lässt. Es ist aber schwer vorstellbar, dass er eine reelle Chance auf den Sieg hat.
Die anderen, komplett chancenlosen Anwärter: Daniel Kaluuya (Get Out), Daniel Day-Lewis (Der seidene Faden), Denzel Washington (Roman J. Israel)

ScheinWerfer-Orakel: Gary Oldman, alles andere wäre ein Wunder


 

Beste Hauptdarstellerin
Hier könnte es einen weiteren Zweikampf zwischen Shape of Water und Three Billboards geben, wobei Frances McDormand, die die Hauptdarstellerin in Three Billboards spielt, als Favoritin gilt. Die unglaubliche Präsenz, Schlagfertigkeit und Gehässigkeit, die sie ihrer Figur verleiht, machen ihre Performance unvergesslich. Auch die Rolle der trauernden, der Verzweiflung nahen Mutter setzt sie sehr routiniert um.
Für Sally Hawkins, Hauptdarstellerin in Shape of Water, spricht der hohe Schwierigkeitsgrad ihrer Rolle. Da die Protagonistin stumm ist, musste Hawkins Emotionen allein mimisch und gestisch zum Ausdruck bringen, was ihr meisterhaft gelang. Bei den vorherigen Awards zog sie jedoch stets den Kürzeren gegen Frances McDormand.
Drei Siege bei unübertroffenen 21 Oscar-Nominierungen konnte Meryl Streep in ihrer langen Schauspielkarriere bereits einfahren. Allein aufgrund ihrer Vita muss man Streep als Verlegerin Kay Graham auch in diesem Jahr auf dem Zettel haben.
Die anderen Anwärter heißen Margot Robbie (I, Tonya) und Saoirse Ronan (Lady Bird)

ScheinWerfer-Orakel: Die Trophäe geht an Frances McDormand


 

Bester Soundtrack
Alexandre Desplats musikalische Untermalung von Shape of Water ist magisch und geheimnisvoll – das sahen auch die Golden Globe Juroren so und kürten Desplat zum Sieger der Kategorie. Damit ist der Soundtrack auch Hauptfavorit für den Oscar.
Die Konkurrenz für Desplat könnte dabei kaum namhafter sein. Mit Hans Zimmer (Dunkirk) und John Williams (Star Wars 8) gehen zwei der wichtigsten Filmkomponisten der Gegenwart ebenfalls an den Start. Williams’ Score für Star Wars ist exzellent, unterscheidet sich aber im Grunde genommen kaum von vorherigen Stars Wars Scores. Zimmer hat erstaunlicherweise erst einmal den Oscar für den besten Soundtrack gewonnen (1994 für König der Löwen) und wäre mal wieder reif für einen Sieg. Seine Musik für Dunkirk harmoniert phänomenal mit den Bildern, bleibt aber nicht wirklich im Kopf.
Die anderen Anwärter: Jonny Greenwood (Der seidene Faden) und Carter Burwell (Three Billboards)

ScheinWerfer-Orakel: Alexandre Desplat wird völlig verdient die Trophäe einsacken


 

Bester Song
Songs aus Animationsfilmen sind besonders beliebt bei der Oscar-Jury. Erst vor vier Jahren gewann “Let it Go” aus Frozen den begehrten Preis. Folgerichtig ist Remember me aus “Coco” ein heißer Kandidat. In “Coco” flüchtet der 12-jährige Miguel ins Reich der Toten um seiner Leidenschaft zur Musik Ausdruck zu verleihen. “Remember Me” ist ein permanenter Begleiter des Films und wird immer wieder in verschiedenen Varianten gespielt. Leider ist der Song weder besonders emotional noch einprägsam, deswegen darf sich gerade This is Me aus dem biografische Musicalfilm “The Greatest Showman” berechtigte Hoffnungen machen. Ein kraftvoller Popsong, der eine wichtige Message beinhaltet: Akzeptier dich, so wie du bist. „This is me“ ist allerdings nur eines von vielen Songs des Filmes und sticht dort nicht besonders hervor. Die Oscar-Jury prämiert jedoch bevorzugt Songs, die einen Film prägen.
Wenn zwei sich streiten, freut sich vielleicht der dritte. Das ruhige und verträumte Mystery of Love vom Indie-Folk-Sänger Sufjan Stevens geht sofort ins Herz. Stevens wird sogar die Ehre haben den Song bei den Oscars live auf der Bühne zu performen. Gute Chancen werden Mystery of Love trotzdem nicht eingeräumt, aber die Hoffnung stirbt zuletzt.
Weitere Kandidaten: Mary J. Blige – Mighty River (Mudbound), Stand Up for Something (Marshall)

ScheinWerfer-Orakel: Verdienen würde den Oscar nur Sufjan Stevens, aber wir tippen auf “This is Me”.

 

Bester fremdsprachiger Film
Hier hatte man aus deutscher Sicht ernsthafte Hoffnungen, wieder um einen Oscar kämpfen zu können. Schließlich gewann Fatih Akins Thriller “Aus dem Nichts” den Golden Globe, was einen Film eigentlich automatisch zum Favoriten auf den Oscargewinn macht – aber eben nur eigentlich, denn “Aus dem Nichts” hat es nicht mal in die Endauswahl geschafft.
Um die Trophäe kämpfen nun Filme aus Chile, Libanon, Ungarn, Russland und Schweden. Es ist ein offenes Rennen, bei denen der chilenische Beitrag A Fantastic Woman vermutlich leicht die Nase vorn hat. In dem Film kämpft eine Transgender-Frau um Akzeptanz in einem von Vorurteilen und Hass geprägten Umfeld. Gut möglich, dass die Oscar-Jury den Mut, ein so schwieriges Thema aufzugreifen, belohnt.
Die schwedische Satire The Square handelt von einem Kurator, der sich in eine Reihe von negativen Ereignissen verkettet, aus denen er nicht mehr herauskommt. Im Vorfeld gewann “The Square” zahlreiche Awards, aber Kritiker sagen, der Film sei für die Jurymitglieder ein bisschen zu satirisch.
Ebenfalls aussichtsreich ist das russische Drama Loveless, bei der ein Paar sich scheidet, doch keiner der beiden das Sorgerecht für den 12-jährigen Sohn übernehmen möchte. Als dieser eines Tages plötzlich verschwindet, sind die Eltern gezwungen an einem Strang zu ziehen. Loveless ist ein unkomplizierter Film, zu dem man leicht einen Zugang findet. Vielleicht liegt darin der Schlüssel zum Erfolg.

ScheinWerfer-Orakel: Der diesjährige Fremdsprachen-Oscar geht nach Chile!


 

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