Ohne Herz keine Liebe

Sein Herz gibt man nicht einfach so weg. Entweder man gibt es aus Liebe oder aus Schmerz. Was aber passiert, wenn man sein Herz verloren hat? Anja Stephan erzählt in ihrem Roman „A Fairy Tale“ von der Suche nach dem eigenen Herzen. Ein Roman, der sich nicht zwischen Romantik und Erotik, Spannung und Dehnung, tiefsinniger Philosophie und Oberflächlichkeit entscheiden kann.

Von Christine Leitner

Hat man sein Herz einmal weggegeben, schwebt man auf Wolke sieben. Denn sein Herz gibt man nur der Liebe seines Lebens und die Liebe macht einen zum glücklichsten Wesen auf Erden. Nicht so jedoch den Halbelfen Scott McKenzie. Aus Liebeskummer und Herzschmerz gab er einst sein Herz fort und verlor die Fähigkeit, Gefühle zu empfinden und Emotionen zu zeigen. . Was zurück bleibt, ist die leere Schale seines anatomischen Herzens, in dessen Inneren die Eiseskälte der Gefühlslosigkeit herrscht. Daher fällt die Reaktion auf die bevorstehende Hochzeit mit der Hochelfe Fräulein von Cleve mäßig emotional aus. Die Braut scheint in ihrem Auftreten das komplette Gegenteil ihres Bräutigams zu sein: quirlig, launisch, laut, beinahe schon ordinär, ungehobelt und unhöflich und immer in Begleitung einer Schar Paparazzi, die das Leben der Hochelfe Schritt für Schritt in den Hochglanzheften abdrucken. Wie sich daraus ein harmonisches Familienleben entwickeln soll, ist nicht nur den beiden Protagonisten schleierhaft. Doch der Liebe wollen beide noch einmal eine Chance geben und so machen sich Mc Kenzie und von Cleve auf, das verlorene Herz wiederzufinden.

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Der Beginn der Geschichte erscheint beinahe magisch, das Fräulein von Cleve ist eine Figur, die aufgrund ihrer geheimnisvollen Beschreibung sympathisch und mysteriös anmutet. Selbiges gilt für Mc Kenzie, der einem Lehrling die Magie der Elfen lehrt. Obschon sie Elfen sind, leben die Protagonisten im Paris des 21. Jahrhunderts, sind dort jedoch den Regeln und Pflichten ihres Clans unterworfen und besuchen eine eigene Universität. Gerade durch diese mysteriöse und schemenhafte Beschreibung der Handlung, erweckt die Autorin den Eindruck, es handele sich bei dem Roman um eine spannend-schauerliche Abenteuergeschichte mit Krimielementen.

Feministischer Touch

Doch was zu Beginn so märchenhaft, magisch und überaus mystisch anmutet, wird im Laufe der Geschichte entzaubert. Das Fräulein von Cleve ist alles andere als eine magische Figur. Stattdessen entpuppt sie sich als ungehobelte, überaus unhöfliche und chaotische Person, die mit ihrem Verhalten eher an einen Mann denn an ein zartes Fräulein erinnert. Stephan gelingt hier ein genialer Rollenwechsel, indem sie die klassische Rollenverteilung der Geschlechter vertauscht. Während das Fräulein von Cleve an einen ruppigen Kerl erinnert, verkörpert Mc Kenzie mit seinen Kochkünsten und seinem Hang zur Ordnung den Part der tüchtigen Hausfrau. Diese Veranlagung Merkmale des jeweils anderen Geschlechts aufzuweisen, zeigt sich bereits in den jungen Jahren der Protagonisten, als von Cleve ihren damaligen Freund und – was sie zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht ahnt – zukünftigen Ehemann dafür bezahlt, mit ihr ins Bett zu gehen. Prostitution anders herum gedacht.

Liebe der Oberflächlichkeit zum Trotz

Besonders schön erscheint die Idee der Autorin, das Sprichwort „sein Herz verlieren“ wörtlich zu nehmen und die Geschichte um diese Thematik zu spinnen. Jedoch entpuppt sich die Lösung Mc Kenzies als zu einfach, verbannt er doch sein Herz aus seinem Körper, um den Leiden der zerbrochenen Liebe nicht mehr ausgesetzt zu sein. Abgemildert wird diese „einfache“ Lösung durch die Suche nach dem verlorenen Herzen mit der einst Geliebten, entromantisiert wird die Liebesgeschichte jedoch durch diverse Bemerkungen über das Äußere der Figuren. Das Paradebeispiel ist wieder einmal das Fräulein von Cleve, das alles andere als zierlich ist. Weder sie noch ihr Zukünftiger können sich entscheiden, ob ihre Kurven optisch positiv zu bewerten sind. Dabei wechseln die Beschreibungen zwischen oberflächlichen, abfälligen und obszönen Bemerkungen. Ihr Höhepunkt gipfelt schließlich in dem Kunstwerk, das die Vagina des Fräulein von Cleve zeigt und öffentlich ausgestellt werden soll.

Nach Rollenwechsel kommt der Richtungswechsel

Ebenso wie die Rollenverteilung wechselt die Autorin auch den Handlungsstrang. Dies gelingt jedoch weniger gut, Perspektivwechsel zwischen den Protagonisten verwirren den Leser, die Handlung entwickelt sich an einigen Stellen hochspannend, während sie sich an anderer Stelle zieht und dementsprechend Längen aufweist. Dabei hat der Leser so manches Mal das Gefühl, der Faden ginge inmitten der Geschichte verloren, denn das magische Bild sowie die Suche nach dem Herzen finden nur zu Beginn und am Ende des Romans ihren Platz. In der Mitte klafft eine Lücke, die zwar unterhält, jedoch nicht zur Handlung beiträgt. Damit büßt die Geschichte einiges an Spannung ein.
Nichtsdestotrotz bleibt der Roman eine kurzweilige Lektüre, die schnell und angenehm zu lesen ist und den Leser für einige Zeit in ein kleines Abenteuer entführt.

A Fairy Tale, Anja Stephan, Liebesroman/Fantasyroman, Bookrix GmbH&C, München 2018.

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