„Das Wichtigste ist, sich mit seinem Publikum zu verbinden“

Interview mit dem Pop-Duo „HAERTS“

Vor sieben Jahren gründeten die Sängerin Nini Fabi und der Gitarrist und Keyboarder Ben Gebert das Indie-Pop-Duo „HAERTS“. Ursprünglich aus München stammend, zog es die beiden Freunde schon früh in die USA, wo sie sich ein neues Leben aufgebaut haben und musikalisch durchgestartet sind. Mit ihren eingängigen Melodien gewannen sie die Herzen vieler Musikfans. So wurde ihr Song „Wings“ auf Spotify schon über sieben Millionen mal gestreamt. Ein anderer Song, „Your Love“, ist Teil des Soundtracks der neuen Staffel der beliebten Dramaserie „Tote Mädchen lügen nicht“ (13 Reasons Why). Um auch in Deutschland Fuß zu fassen und einen Ausblick auf das neue Album zu geben, traten sie im September im Hamburger Reeperbahnfestival auf. Der ScheinWerfer nutzte die günstige Gelegenheit für ein umfassendes Interview!

Von Florian Fabozzi

Zum Einstieg für alle unsere Leser und Leserinnen, die euch noch nicht kennen. Wie würdet ihr euren Musikstil beschreiben?

Nini: Indie-Pop!

Ben: Ja, moderner Indie-Pop.

Eure Songs gehen in die Richtung Synth-Pop a la Chvrches und Folk im Stile von First Aid Kit. Manche Songs haben einen Hang zum Dream-Pop.  Habt ihr musikalische Vorbilder und wenn ja, welche sind es?

Nini: Wir sind vor allem von älterer Musik beeinflusst. George Harrison, Patti Smith, The Velvet Underground…

Ben: Was die Einordnung in ein Genre angeht: Wir versuchen nicht spezifisch zu sein und sind nicht an ein bestimmtes Genre gebunden

Wie kam der Name „HAERTS“ zustande? Diese absichtliche Falschschreibung von „Hearts“?

Ben: Wie? Schreibt man das nicht so? (lacht)

Nini: Die Frage wurde uns schon oft gestellt. „Hearts“ hat uns vom Klang gut gefallen und hat eine schöne symbolische Bedeutung. Wir haben dann einfach das „A“ und das „E“ vertauscht, weil es uns visuell besser gefallen hat

Ihr seid ziemlich schwer zu googeln, weil Google es sofort in „Hearts“ korrigiert.

Nini: Daran haben wir nicht gedacht. (lacht)

Ihr beide wurdet schon in der Kindheit Freunde. Wie und wann kam die musikalische Zusammenarbeit zustande?

Ben: Eigentlich schon von Anfang an. Mein Vater war früher DJ und hatte auch eine große Plattensammlung, in die wir immer reingehört haben. Und dann haben wir sehr schnell angefangen, zusammen Lieder zu schreiben. Wann genau das war, weiß ich nicht, aber sehr früh!

Ihr seid inzwischen verheiratet. Ist es nötig Beziehung und Arbeit zu trennen?

Nini: Es ist untrennbar!

Ben: Es ist unmöglich und das Unprofessionellste, was man machen kann.

Nini: Bei uns sind die Musik und das Leben eins. Es geht alles ineinander über. Es ist nicht so, dass wir von 8 bis 17 Uhr an der Musik arbeiten und danach verheiratet sind und über unseren Tag sprechen. Natürlich ist es nicht immer leicht für eine Beziehung, aber es ist der Weg, den wir uns ausgesucht haben.

Ihr seid 2006 in die USA gegangen. Wieso habt ihr euch für diesen Schritt entschieden?

Nini: Ganz einfach: Wir wollten Musik studieren, aber zeitgenössische Musik und nicht klassische. Wir hatten in München schon klassische Musik gelernt, wollten diesen Weg aber nicht weiter gehen. Es gab eine Schule in Boston, auf der man moderne Komposition studieren konnte. Das hat uns interessiert und deshalb sind wir dort hingegangen.

Worin liegen die Unterschiede im Musikbusiness zwischen Deutschland und den USA?

Ben: Man hat andere Möglichkeiten in den USA. Vieles, was man macht, hat eine größere Auswirkung. In Deutschland den großen Durchbruch zu schaffen ist vielleicht schwerer.

“Der Umzug in die USA gab uns ein gewisses Freiheitsgefühl”

Also wäre es für euch nicht denkbar, langfristig nach Deutschland zurückzukehren? Ihr habt eure musikalische Heimat in den USA gefunden, oder?

Ben: Nicht nur musikalisch, auch persönlich! Wir haben dort unser Leben aufgebaut, unsere Freunde leben da. Freunde, die schon Teil unserer Familie geworden sind. Das kann man nicht einfach so abbrechen. Aber: man weiß nie, was die Zukunft bringt.

Nini: Der Umzug in die USA, insbesondere nach New York, gab uns damals ein gewisses Freiheitsgefühl, auch in musikalischer Hinsicht. Wir haben dort einen Musikstil gefunden, den wir hier vielleicht nicht gefunden hätten. Wir kamen dort hin und hatten das Gefühl, wir könnten alles machen, was uns gerade in den Sinn kommt. Für uns war das der richtige Schritt, aber ich denke, andere können das gleiche Glück auch in Deutschland finden.

Euer Song „Your Love“ wurde in der neuen Staffel von 13 Reasons Why verwendet. Das ist eine große Anerkennung eurer Leistung. Wie stolz macht einen das?

Nini: wir haben uns den Clip angeschaut und uns darüber gefreut! Das war eine große Chance. Dadurch erhält unsere Musik eine größere Öffentlichkeit.

Seid ihr bei der Verwendung der eigenen Songs in Serien oder Werbung wählerisch oder sagt ihr euch: Promotion ist alles?

Ben: Nein, sagen wir nicht! Wir haben auch schon Vieles nicht gemacht. Beispielsweise ist Taco Bell mal für eine Werbung auf uns zugekommen und wollten einen unserer Songs verwenden. Das wäre auch relativ lukrativ gewesen, aber wir haben es nicht gemacht. Wir wollten keinen Riesenkonzern unterstützen, zu dem wir nicht stehen. Wir haben schon Kontrolle über solche Dinge und wenn uns etwas nicht gefällt, dann machen wir das auch nicht.

Ihr habt schon mit Bands wie z.B. London Grammar getourt. Kann man sich von solchen Bands noch etwas abschauen, sich Tipps holen und inspirieren lassen?

Ben: Man kann immer von jedem lernen. Das hört nie auf.

Gibt es eine Band, an der ihr besondere Erinnerungen habt?

Ben: Die „Shout Out Louds“. Die waren einfach cool und hatten an jedem Abend viel Spaß. Das war sehr inspirierend. Die haben immer gesagt: „Es gibt nie eine schlechte Show.“

Nini: …und man muss dankbar sein, dass man es machen kann. Viele Musiker klagen nach einer Show, dass nicht alles perfekt gewesen sei oder fragen sich „Wie sah ich aus?“ oder „War jeder Ton perfekt?“. Die Shout Out Louds haben uns gelehrt, dass man einfach dankbar sein sollte, eine Tour machen zu dürfen und sich immer darauf besinnen sollte, dass es das wichtigste ist, sich mit seinem Publikum zu verbinden. Es geht nicht nur um einen selber, sondern um die ganze Erfahrung.

Ihr standet früher beim renommierten Musiklabel „Columbia Records“ unter Vertrag, doch vor einigen Jahren kam es zur Trennung. Was sind die Hintergründe?

Nini: Die haben uns gedroppt. Es war eine Beziehung, die nicht funktioniert hat. Uns fehlte die Freiheit. Die Dinge, die wir machen wollten, waren nicht die Dinge, die das Label machen wollte. Unser Ziel ist es, über einen längeren Zeitraum Musik zu machen und größere Labels haben oft andere Ziele. Wenn man gedroppt wird, ist es anfangs ein kleiner Schock und geht mit einer großen Veränderung einher, aber letztendlich war es das beste, was uns passieren konnte, sonst wäre das neue Album so nicht entstanden.

Ben: Unser neues Label (Anm. d. R.: Arts & Crafts) ist dagegen wie eine große Familie. Das sind Menschen, mit denen man sich wirklich eine Zukunft vorstellen kann.

Nini: Da geht es noch um die Musik!

Ben: …Da geht es um die Musik und um Nachhaltigkeit. Das man eben nicht nur versucht, einen großen Hit rauszubringen und das war’s dann.

“Jedes Umfeld hat einen großen Einfluss auf die Dinge, die wir machen.”

Ihr habt euch für euer letztes Album ins Hudson Valley zurückgezogen. Oft hört man, dass die Umgebungen und Landschaften eine inspirierende Wirkung auf die Künstler haben und diese in ihre Musik einfließt. Wie viel „Hudson Valley“ steckt in eurem neuen Album?

Ben: Hätten wir das Album woanders produziert, hätte es wahrscheinlich anders geklungen. Das wichtigste am Hudson Valley war nicht die Landschaft an sich, sondern die Ruhe, die man dort vorfindet.

Nini: Wir haben die Umgebung auch genutzt. Wir sind viel raus gegangen, viel spazieren gegangen. Jedes Umfeld hat einen großen Einfluss auf die Dinge, die wir machen. Das passiert nicht bewusst, aber im Gefühl. Wir haben das Album nicht in einem herkömmlichen Tonstudio aufgenommen, sondern in einem normalen Haus, in dem wir viele Mikrofone aufgestellt hatten. „No Love for the Wild“ haben wir zum Beispiel direkt vor einem Fenster aufgenommen. Und wenn ich dann rausschaute, sah ich vor dem geistigen Auge, wie wir das Lied geschrieben haben. Das Umfeld fließt also definitiv mit ein.

Welche Themen verarbeitet ihr im neuen Album „New Compassion“?

Nini: Das Thema sind wir, unsere letzten drei Jahre. Im Endeffekt geht es um Liebe mit all seinen Facetten: Der Kummer, die Kraft und die Verwandlung.

Ben: Auch unsere Beziehung war an einen Punkt gekommen, wo wir auch nicht mehr wussten, wie es weitergeht.

…da hat die Musik dann geholfen?

Ben: Ja, durch diese Songs haben wir viel miteinander kommuniziert. Es war dann oft so, dass Nini einen Text geschrieben hat, ich ihn gehört und dann gefragt habe: Um was geht es jetzt? Da war viel Schmerzhaftes dabei, aber auf diesem Weg haben wir vieles, was wir nicht aussprechen konnten, durch die Musik gesagt.

Ich habe bereits in euer neues Album reingehört. „The One“ gefällt mir sehr mit seinem kraftvollen Refrain und „Matter“ hat mich emotional sehr berührt. Musikalisch habe ich auch Ambient- (No Love for the wild) und Country-Einflüsse (New Compassion) herausgehört. Worauf dürfen sich eure Fans freuen und worin wird sich das neue Album von den vorherigen Werken unterscheiden?

Nini: Ich glaube, es ist ein sehr rundes Album. Es ist die Musik, auf die wir bisher am stolzesten sind, gerade, weil sie sehr ehrlich ist. Die Lieder entstanden in einer schwierigen Zeit, doch wir hoffen, etwas Schönes daraus gemacht zu haben.

Ben: Auf diesem Album ist die Instrumentation durch den Einsatz von Gitarre und Klavier eher traditionell geprägt und minimalistisch gehalten. Im Debütalbum waren sehr viele Synthesizer-Effekte dabei, die wir im neuen Album fast gar nicht nutzen. Auch Ninis Stimme wird im neuen Album ganz anders eingesetzt. Im Erstalbum war sie eher in der Instrumentation des Songs eingebettet und klang selbst fast wie ein Instrument.

Nini:…und im neuen Album ist sie viel mehr im Vordergrund. Um es zusammenzufassen: Wir wollten musikalisch und thematisch etwas Klares, Minimales und Pointiertes machen.

Zu guter Letzt: Was könnt ihr jungen Musikern mit auf den Weg geben? Gibt es ein perfektes Geheimrezept? 

Ben: Man muss immer authentisch bleiben und darf nie aufgeben.

Nini: Konzentriert euch nicht auf den Erfolg, sondern auf die Arbeit. Erfolg kann man nicht beeinflussen, aber gute und ehrliche Arbeit schon.

Wir bedanken uns bei ferryhouse productions für die Ermöglichung dieses Interviews.

Seit dem 5. Oktober ist HEARTS’ neues Album “New Compassion” im Handel erhältlich.

Titelbild:  Julian Klincewicz

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