Verrückt nach Weihnachten

Gemütliche Weihnachten: Teil 3

Girlanden, Dekofiguren und Kerzen en masse – Anna Schröder aus Umeå in Nordschweden zelebriert Weihnachten im ganz großen Stil. In einem farbenfrohen Blog teilt sie ihre Leidenschaft mit anderen Weihnachtsfans.

Von Florian Fabozzi

Während wir im September für gewöhnlich noch die Ausläufer des Hochsommers genießen, kniet sie sich schon in die Weihnachtsvorbereitungen: Für die 34-jährige Anna Schröder aus dem 80.000 Seelen-Ort Umeå in Nordschweden ist Weihnachten der Höhepunkt des Jahres. All ihre Vorbereitungen – von den ersten aufgestellten Weihnachtsfiguren bis hin zum prachtvollen Tannenbaum – hält sie in dem Blog Jul, Strålande Jul fest. Jul, Strålande Jul bedeutet so etwas wie “Weihnachten, strahlende Weihnachten” und dem Namen wird der Blog mehr als gerecht. Zahllose Kerzen erhellen die heimelig eingerichteten Kammern des Hauses – so zu sehen auf vielen von Annas Fotos. Dabei geht es ihr um weit mehr als um Ästhetik, denn: “Alle Gegenstände sind mit besonderen Erinnerungen verknüpft”, erklärt sie.

Girlande als Prunkstück

Ihre liebste Dekoration ist die große Girlande, die sie immer am Türbogen zum Esszimmer anbringt. “Als ich die Girlande vor 16 Jahren beschaffte, hielten meine Eltern mich für verrückt. Es sei ein bisschen over the top. Doch die Girlande hat die Wohnung derart aufgewertet, dass sie nicht mehr wegzudenken ist”, erklärt sie begeistert. Auch wenn die Girlande nicht gerade “typisch schwedisch” sein mag, so besinnt sich Anna an Weihnachten gerne auf gewachsene Traditionen und das dadurch hervorgerufene Nostalgiegefühl. “Durch alte Traditionen bewahre ich eine Verbindung zu meinen verstorbenen Groß- und Urgroßeltern, weil ich weiß, dass sie damals genauso Weihnachten gefeiert haben,” erklärt sie. Auch aus dem Grund kann es gar nicht genug Dekoration geben. Jedes Objekt hat seine eigene Geschichte.

Entstehung aus “Heimweh”

Anna Schröder (ausgesprochen Skröder) führt ihren Blog nun schon seit 2010. Damals lebte sie in Schottland und vermisste ihr Land und vor allem ihre Muttersprache . Daher suchte sie nach kreativen Möglichkeiten, die eigene Sprache häufiger zu nutzen. Da bot sich natürlich ein Blog an, doch aufgrund schlechter Vorerfahrungen wusste sie, dass ein guter Blog ein konkretes Thema benötigt. Und da gerade Herbst war, fiel ihr Gedanke auf Weihnachten.
Über die Jahre hat Anna eine treue Fan-Schar für den Blog gewonnen. Anna möchte, so ihre Grundintention, die Besuchern des Blogs “einladen”, an ihrem Weihnachten teilhaben zu lassen. Das gelingt ihr so gut, das sich viele ihrer treuen Leser*innen bereits inspirieren ließen. “Einige haben nun begonnen, mehr Kerzen zu nutzen”, erzählt sie stolz. Den Blog beginnt sie jährlich bereits im September, gedanklich ist sie aber eigentlich das ganze Jahr über im Weihnachtsmodus. “Als ich mal mit meinen Eltern in ein neues Haus zog, war mein erster Gedanke gleich der, an welchen Platz man denn am besten einen Weihnachtsbaum hinstellen könnte”, sagt sie.
Würden mehr Interessierte außerhalb Schwedens ihren Blog besuchen, zöge sie englische Übersetzungen der jeweiligen Beiträge in Betracht, doch “grundsätzlich sei dies aufwendig, weil man viele Eigenheiten des schwedischen Weihnachten erst erklären müsste.”

Schwedische Weihnachtsrituale

Eine dieser Eigenheiten sind die Speisen. Am Morgen des Heiligabends kommen Lussekatter auf dem Tisch, ein spezielles Safrangebäck. Abends gibt es dann Janssons frestelse, ein Auflauf aus Kartoffeln, Zwiebeln, Sahne, bestreut mit Brotkrümeln.
Typisch Schwedisch ist auch die Tradition, dass der Familienvater als Weihnachtsmann verkleidet an die eigene Haustür klopft um die Geschenke zu bringen. Anna berichtet von ihrer frühesten Weihnachtserinnerung, als sie mit drei Jahren dem “Weihnachtsmann” begegnet war und ihn fragte, “ob er wirklich einen Schlitten habe.”
Als eine persönliche Tradition nennt sie das frühe Aufstehen am Weihnachtsmorgen und der Gang zum Bücherregal. Im Morgengrauen, allein im Schein der Weihnachtslichter, vertiefte sie sich in die Märchen der Kinderbuchautorin Beatrix Potter – noch lange bevor ihre Familie wach wurde.

Stichwort Familie: Die spielt für Anna eine große Rolle. Heiligabend verbringt die Studentin nicht etwa in Umeå, sondern im kleinen Familienkreis mit ihren Eltern, Geschwistern und Tante in Stockholm. Auch dort übernimmt sie die Verantwortung beim Dekorieren und Gestalten. Der Stress der Weihnachtsvorbereitung, dem sich der Otto-Normal-Bürger ausgesetzt sieht, zieht auch an ihr nicht vorüber, doch “er lässt sich aushalten, wenn ich daran denke, wie das Endergebnis aussehen wird.” Allein für das Schmücken des Weihnachtsbaumes bedarf es eines ganzen Tages. Schließlich müssen die Kerzen und Kugeln allesamt an den richtigen Positionen stehen. Geschenke werden übrigens nach alter Tradition mit heißem Siegellack versehen.

Wurzeln und Entwicklungen Weihnachtens

Wenngleich Anna in Jul Stralande Jul vor allem die schönen Seiten von Weihnachten präsentiert, nimmt sie sich auch Raum für Kritik. In einem Beitrag vergleicht sie das Weihnachtsangebot in Supermärkten von 2005 mit dem von heute. Neben dem rasanten Preisanstieg, bemängelt sie das abwechslungsarme Angebot und das moderne, sterile Design heutiger Weihnachtsartikel. Der Trend hin zu minimalistischer und moderner Ästhetik widerstrebt ihr. Schließlich solle die Einrichtung nicht aussehen “wie in einem Apple Store”.

Einem anderen Vorwurf, der gerne von “Weihnachtspuristen” hervorgebracht wird, steht sie weniger kritisch gegenüber. So heißt es oft, die christlichen Wurzeln von Weihnachten würden zunehmend in Vergessenheit geraten. Anna ist selbst nicht religiös und weist darauf hin, dass viele Weihnachtsbräuche ohnehin heidnisch seien und aus vorchristlicher Zeit stammen. Der 25. Dezember war schließlich ursprünglich der Tag des Julfests, ein Tag an dem Nordeuropäer die Wintersonnenwende feierten – mit geschmückten Tannen, die symbolisch für Lebenskraft standen. Für die Germanen ein Tag, an dem die Sonne (wieder-)geboren wurde – nicht Jesus. Dass Skandinavier den vorchristlichen Bräuchen einem besonderen Stellenwert zugestehen, zeigt sich schon daran, dass sie Weihnachten nach dem erwähnten Julfest benannten. Einem Wort ganz frei von christlichen Assoziationen. Unter dem Gesichtspunkt ist die “Übernahme” des Weihnachtsfest durch den Säkularismus, so Anna, “nur eine natürliche Entwicklung.”

So hoch ihr Anspruch an das perfekte Weihnachtsfest ist, so bescheiden fällt Annas eigene Wunschliste aus. “Hoffentlich erleben wir hier eine weiße Weihnacht”, sagt sie. In Schweden stehen die Chancen dafür niemals schlecht.

Deine Neugier wurde geweckt? Hier geht es zum Blog:

http://julstralandejul.blogspot.com

Bilder: Anna Schröder

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