Warum noch nicht genug gesagt ist

Krankenpflege-Ausbildung und Pandemie – Interview mit einer Betroffenen

Von Paula Mether

Wie unter einem Brennglas verschärfen sich Konflikte in allen Lebensbereichen und vergrößern bestehende Probleme. Das öffentliche Bewusstsein für Berufe in der Kranken- und Altenpflege hat zugenommen. Viele Stimmen werden plötzlich gehört, emotionale Bilder gehen durch die Medien – Pfleger:innen werden als Held:innen gefeiert. Reaktionen kamen dann auch von politischer Seite. Im Herbst 2020 wurden erste Corona-Prämien versprochen, vor allem für die Bereiche Alten- und ambulante Pflege. Seitens der Pflegenden ist bis heute immer wieder klar gemacht worden: das reicht nicht.

Aber nicht nur ausgebildete Krankenpflegende haben ein Recht darauf gehört zu werden. Wie ergeht es jungen Menschen, die einen Beruf in der Pflege anstreben? Was hat sie im vergangenen Jahr bewegt – wie erleben sie die Pandemie?

 

Im Rahmen dieser Recherche habe ich mich mit einer Betroffenen aus Bremen unterhalten, die hier ihre Ausbildung macht. Wir trafen uns nicht persönlich, das Risiko war uns beiden zu groß. Aber per Fragebogen und Telefon bekam ich einige spannende Antworten. Meine Interviewpartnerin, ich nenne sie hier Lena, macht seit 2018 eine Ausbildung zur Krankenpflegerin. Sie kennt die Ausbildung und ihre Arbeitsstätten also auch abseits von Pandemiebedingungen. Zu den Tätigkeitsbereichen, die sie in diesem ersten Jahr mit Covid durchlaufen ist, gehörte neben Psychiatrie, Geriatrie und Urologie sowie ambulanter Pflege auch eine Intensivstation. Ich wollte von ihr wissen, was sich für sie verändert hat und wie sie das Jahr 2020 erlebt hat.

• • • • • • • • • • • • • • • •

Welche Einschränkungen betreffen deinen Arbeitsalltag seit März 2020?

Lena schreibt: Besucher, beziehungsweise Angehörige dürfen nicht mehr in das Krankenhaus (nur in Ausnahmefällen, wenn der Patient zum Beispiel im Sterben liegt und dann auch nur für eine gewisse Zeit). Das ist für die Patienten natürlich eine große psychische Belastung. Stationen mussten schließen, aufgrund des Personalmangels, der durch die hohe Überlastung zustande kam und durch positiv getestetes Personal. Oder auch, weil Patienten dort positiv getestet wurden. Dadurch mussten einige Mitarbeiter auf den Corona Stationen aushelfen und die anderen Stationen mussten die Patienten von den geschlossenen Stationen übernehmen.

Hat sich an diesen Einschränkungen im Laufe des Jahres etwas verändert?

Die meisten Stationen haben mittlerweile wieder geöffnet und den normalen Betrieb aufgenommen, nur leider immer noch mit zu wenig Personal. Die Patienten dürfen mittlerweile mit ihrem Telefon im Zimmer umsonst Telefonieren, um wenigstens so Kontakt zu ihren Angehörigen zu haben. 

In deiner Ausbildung wechselt sich die Arbeit im Krankenhaus mit Schulwochen ab. Sind bezogen auf den Unterricht Veränderungen aufgetreten?

Ja, am Anfang bekamen wir Aufgaben per Mail zugeschickt, die wir zu einem gewissen Datum immer erledigen sollten. Nach einer Weile wurde unsere Klasse in zwei kleinere Gruppen geteilt und wir sind zu unterschiedlichen Zeiten an einem Tag unterrichtet worden, um das Infektionsrisiko gering zu halten. Das war aber auch nur selten der Fall. Also vielleicht zweimal die Woche für wichtige Unterrichtseinheiten, die examensrelevant sind. Mittlerweile haben wir einen eigenen itslearning Server und haben auch Präsentationen per Microsoft Teams gehalten. Dies ist aber erst seit kurzem der Fall.

Hast du den Eindruck, weniger lernen zu können als vor der Pandemie?

Ja, auf jeden Fall. Es fehlen einfach die persönlichen Gespräche in der Klasse. Das Diskutieren und die Gespräche mit den Lehrern. Die Lerneinheiten sind einfach dafür ausgelegt, sie in der Schule als Gruppe unterrichtet zu bekommen und nicht alleine zu Hause zu erarbeiten. Man bekommt einfach Aufgaben zugeschickt und muss diese Fragen stumpf beantworten. Durch Videos und Google muss man sich vieles selbst erschließen und versteht manche Dinge auch nur halb. Und um ehrlich zu sein, da es echt stressig sein kann, holt sich jeder mal die Aufgabe von einer anderen Person und schreibt diese quasi ab, wodurch einfach ein Lerneffekt nicht mehr gegeben ist.

Teilweise erarbeiten wir Themen auch in Gruppenarbeiten, was total unübersichtlich ist und auch schwierig zu koordinieren, da alle einfach unterschiedlich viel Zeit haben.

„Wodurch einfach ein Lerneffekt nicht mehr gegeben ist“

Wie sind denn die Prüfungen und Prüfungsvorbereitungen verlaufen? 

Bei unseren schriftlichen Prüfungen wurde unser Klassenverband von 21 Personen in zwei Gruppen, also auf zwei Klassenzimmer aufgeteilt. Jeder bekam einen Einzelplatz wegen der Abstandsregeln und wir mussten FFP-2-Masken tragen. Zudem wurde gelüftet und unsere Prüfungen auf 75 Minuten gekürzt, damit wir die Corona-Regeln einhalten konnten. Nach jeder Prüfung mussten wir dann unsere Sitzplätze desinfizieren.

In welchen Situationen sind Herausforderungen deiner Ansicht nach durch Schule und Vorgesetzte gut umgesetzt worden?

Allgemein ist die Schule mit den Herausforderungen der Pandemie immer angemessen umgegangen. Es wurde alles getan, was in der Macht stand, um uns bestmöglich zu unterrichten. Es wurde sich auch immer pflichtbewusst an die neuen Verordnungen gehalten, auch wenn wir dann manchmal für eine längere Zeit gar nicht zur Schule konnten. Ich war froh um jede Unterrichtsstunde, die uns ermöglicht wurde und in der wir zur Schule konnten, auch um meine Klassengemeinschaft wiederzusehen, denn der Austausch unter Menschen fehlt uns allen in diesen Zeiten.

Welche Perspektiven auf einen Einstieg ins Berufsleben hattest du vor der Pandemie und jetzt? Hast du das Gefühl die Arbeitsangebote haben sich verändert im Vergleich zum Anfang des Jahres?

Leider ist es Tatsache, dass aufgrund der hohen Belastung, welche durch die Pandemie gestiegen ist, die schlechte Bezahlung und die fehlende Anerkennung, viele Beschäftigte den Job an den Nagel gehangen haben. Wir haben einen Pflegenotstand.

Deswegen kann man sich den Arbeitsplatz quasi aussuchen. Ich habe da also keine Bedenken.

Lena spricht hier eine Entwicklung an, zu der sich in den vergangenen Monaten viele „Pflegeaussteiger“ in Interviews zu ihrem Standpunkt äußern konnten. Etwa 32 % aller Pflegekräfte denken über einen sogenannten Pflexit nach, das ergab eine Studie des Berufsverbandes für Pflegeberufe und Barmer.

Wo hättest du dir andere Lösungen gewünscht?

Natürlich hätte man sich einige Dinge im online Unterricht anders gewünscht. Aber diese Pandemie hat uns alle überrumpelt und selbst die Lehrer machen das alles zum ersten Mal und lernen aus den Fehlern und können es hoffentlich bei dem nächsten Kurs besser umsetzen.

Das was Politiker teilweise über die Pflege sagen, ist echt verachtend.“

Wie hast du die politischen Entwicklungen verfolgt?

Ich bin verdi. Mitglied und habe so immer die neusten Entwicklungen durch Mails erhalten oder habe dies auch in den Nachrichten verfolgt. Oftmals habe ich auch mit Kollegen darüber gesprochen und an Demonstrationen teilgenommen, wenn man nicht gerade arbeiten musste.

An dieser Stelle haben wir unser Gespräch telefonisch weitergeführt. Mich interessierte, welche Entscheidungen auf politischer Ebene, Lena persönlich betroffen haben und wie sie diese Diskussionen wahrgenommen hat.

Lena erzählt: Mit der Politik kann man einfach nur sagen, dass es mega traurig ist, was da passiert. Also natürlich, der Lohn ist angestiegen, ich verdiene mehr seit der Pandemie, weil den Menschen natürlich auch bewusst geworden ist, wie wichtig wir sind und dass durch diese Belastung keiner mehr Bock hat, diesen Job zu machen. Also seit der Pandemie haben so viele Menschen gekündigt und wir sind viel weniger Pflegekräfte als vorher. Und natürlich ist der Lohn schon eine Entschädigung dafür was man tun muss, es ist halt im Endeffekt immer noch nicht genug.

Das was Politiker teilweise über die Pflege sagen, ist echt verachtend. Also das tut teilweise weh. Was gesagt wurde, also, dass man dann halt einfach mal länger auf der Arbeit bleiben kann, wenn es sonst zu stressig ist oder sonst den freien Tag…ja…sausen lassen kann, das ist echt…Man fühlt sich einfach alleingelassen. Zwei Pflegekräfte betreuen 40 Patienten im Frühdienst, das ist einfach nicht mehr menschlich.

Das ist alles einfach nicht mehr machbar. Du kannst keine 40 Patienten zu zweit pflegen und das merke ich jeden Tag, diese Herausforderung, dass wir…es ist halt alles für‘n Arsch. So unser Personalschlüssel ist einfach kacke und irgendwie ändert sich da nichts in der Politik und das macht sauer.

Zum Schluss frage ich sie, ob sie abschließend noch etwas loswerden möchte. Ich kann hören, dass sie beginnt zu lächeln während sie antwortet.

Lena erzählt: Ja vielmehr kann man dazu eigentlich nicht sagen und wenn ich noch irgendwas dazu sagen kann, trotz der ganzen Scheiße ist es ein wunderschöner Beruf. Ich kann jedem eigentlich nur ans Herz legen, diesen Beruf auszuüben, den zu erlernen. Man kann damit am Ende so viel machen, man findet immer Arbeit und man sollte sich davon nicht abschrecken lassen. Es ist natürlich nicht für jedermann was, aber es ist trotzdem wunderschön und es gibt so viele Bereiche, die einen einfach so glücklich machen. Es macht mich einfach so glücklich, Menschen zu betreuen, zu pflegen, Menschen zu helfen. Ich find das einfach schön und diese Erfahrung irgendwann einmal in der Pflege gearbeitet zu haben, kann ich eigentlich nur jedem ans Herz legen.

• • • • • • • • • • • • • • • •

Nach diesem Gespräch ist noch einmal mehr klar, wie bewegend das letzte Jahr durch die Covid-19 Pandemie für Pfleger:innen war. Lenas Erzählungen bilden keineswegs ein Einzelschicksal ab. Auch vor der Pandemie haben viele Pflegende keinen fairen Lohn für ihre Arbeit oder angemessene Arbeitsbedingungen erfahren. Die Bremer Medienanstalt „Buten un binnen“ brachte am 16. November 2020 ein Interview mit einer ehemaligen Krankenpflegerin, die sich schon vor Beginn der Pandemie dazu entschied, aus der Pflege auszusteigen. Die viel diskutierte und veränderte Pflegeberufsreform, die seit 2017 stückweise umgesetzt werden soll, kann also nur ein Teil der Lösung sein. Die Probleme sind nicht neu und die Lösungen lassen noch immer auf sich warten. Das Gespräch mit Lena hat aber auch gezeigt: Da bewegt sich was.

Öffentliches Bewusstsein und Bemühungen, auf politischer Ebene mehr Lohn zu zahlen und vielleicht auch noch einmal über die Arbeitsstunden nachzudenken, könnten in den nächsten Jahren wirkliche Veränderungen bringen. Dafür müssen wir aber weiterhin über die Pflege sprechen – auch nach einem Ende der Pandemie.

Das könnte dich auch interessieren

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *