Soziales, politisches und humanitäres Engagement unter Corona-Beschränkungen

Seit Beginn der Covid-19-Pandemie veranlassen Bund und Länder Beschränkungen und Lockdowns für die gesamte deutsche Bevölkerung. Während auf großen Querdenker-Demos die Maßnahmen und Risiken bewusst missachtet werden, müssen soziale und humanitäre Hilfsorganisationen, sowie politische Aktivist*innen umdenken und ihre Konzepte, Ziele und Organisation in einem coronakonformen Rahmen stattfinden lassen. Dies führt zu vielen Herausforderungen und Fragen, zum Beispiel: Wie sehr ist politisches und soziales Engagement an Örtlichkeit gebunden und wie bleibt eine Organisation meinungsäußernd und tatkräftig, wenn sie nicht zusammenkommen kann? Um diesen Fragen auf den Grund zu gehen, habe ich recherchiert und mit Vertreter*innen verschiedener Organisationen in ganz Deutschland geredet.

Fiona Häger

Besetzungen, Baumhäuser und Beschränkungen

Zunächst gibt es dauerhaft besetzte Gebiete, wie zum Beispiel den Hambacher Forst, welche sich an die Pandemie anpassen mussten. Die offiziell sieben Baumhausdörfer, die dort gebaut wurden, haben den Kontakt untereinander weitestgehend eingeschränkt. Die rund 50 bis 150 dauerhaft angesiedelten Aktivist*innen tragen seit Beginn der Pandemie teils Masken und treffen sich seltener in ihren Baumhausküchen. Auch werden neu arrangierte Stände mit Desinfektionsmitteln und Tüchern zur Verfügung gestellt. Mehr denn je sind die Waldbesetzer*innen auf Spenden angewiesen, nicht nur, was Essen und weitere Versorgung betrifft, sondern jetzt auch für ein pandemiegerechtes Miteinander. An den Zielen und dem Willen, den Hambacher Forst zu erhalten, hat sich jedoch wenig geändert. Auch gibt es weiterhin viele Besucher*innen, die zeitweise in dem Wald zelten und ihre Solidarität zeigen, möglichst unter Einhaltung der Hygieneregeln.

Politische Gesellschaft

Politisiert hat sich die Gesellschaft im letzten Jahr definitiv, nur lässt sich dies in den Parteien wenig feststellen. Größere Teile der Bevölkerung setzen darauf, ihre Anliegen in die Hand zu nehmen und in die Öffentlichkeit zu treten, egal ob es neu entstandene Gruppierungen, wie Querdenker*innen, Klimaorganisationen wie „Fridays for Future“ oder Hilfsorganisationen wie „Seawatch“ sind. Alle gehen jedoch unterschiedlich mit der Pandemie um -sei es ein Leugnen dieser Pandemie oder ein Kämpfen darum, nicht vergessen zu werden- und so sind auch alle unterschiedlich stark durch die Situation eingeschränkt.

Welche Parteien gewinnen in der Pandemie?

Bei den Parteimitgliedschaften lassen sich ebenfalls einige Veränderungen beobachten. Dennoch lässt sich infrage stellen, inwieweit diese Zahlen mit der Pandemie zusammenhängen. Seit 1990 hat sich die Anzahl der Parteimitglieder von etwa 2,4 Millionen Menschen auf circa 1,23 Millionen Menschen in den Jahren 2018 und 2019 fast halbiert. 2020 erreichten die Mitgliedschaften ein neues Tief. Nur rund 1,2 Millionen Menschen in Deutschland sind noch Mitglied in einer Partei. Das sind nicht einmal 1,5 Prozent der Bevölkerung. Obwohl CDU, CSU und SPD weiterhin die meisten Mitglieder vermerken, gab es hier die größten Rückgänge. Die AfD büßte mehr als 11 Prozent ihrer 35.000 Mitglieder ein, was ein Resultat dessen sein könnte, dass 2020 einige Menschen in ihrer Radikalität von der AfD zu den Querdenker*innen übergegangen sind. Am meisten Zuwachs erhielten die Grünen mit knapp 11.000 neuen Mitgliedern und das, obwohl die Klimakrise in der gesellschaftlichen Debatte deutlich an Relevanz verloren hat, seit Beginn der Covid-19 Pandemie.

Alternative Aktionen

Dieser Rückgang an parteilichen Mitgliedschaften in der Bevölkerung zwischen 2019 und 2020 hängt jedoch nicht unbedingt mit mangelndem Interesse zusammen, sondern vielmehr damit, dass die gemeinsamen Treffen wegfallen. Bei einem Gespräch mit einem Mitglied der Linksjugend wurde klar, dass der soziale Aspekt von Treffen mit politisch Gleichgesinnten fehlt und die Gruppen daher teils schrumpfen. Andererseits hat die Pandemie wenig Auswirkungen auf die Arbeit der Organisationen, da die meisten Treffen online stattfinden und der Diskurs über die aktuelle Lage, welche meist im Vordergrund steht, weiterhin stattfindet. Des Weiteren gibt es auch alternative Aktionen, wie beispielsweise das Beschriften von Straßen, Rad- und Fußwegen mit Kreide, die anschließend durch Postings in den sozialen Medien Aufmerksamkeit gewinnen können. Was wegfällt, sind regelmäßige Vorträge und die Möglichkeit, auf Demonstrationen und öffentlichen Veranstaltungen zu sprechen. So können die Parteien weniger auf kommunaler Ebene überzeugen und müssen sich schnell neue Wege überlegen, um die Bevölkerung vor der Bundestagswahl von sich zu überzeugen.

Viele Organisationen haben im Laufe der Pandemie neue Kooperationen gebildet und konnten sich weiter vernetzen. Gerade durch die neue Selbstverständlichkeit, Online-Plenen zu führen und sich im Internet auszutauschen, konnten ortsbezogene Grenzen gelockert werden.

Die „andere Krise“

Während große Teile Deutschlands sich um die Wirtschaft und Fallzahlen Sorgen gemacht haben, spielten sich 2020, sowie auch jetzt noch, nicht weit von hier ganz andere Krisen ab: Massen an Menschen sterben weiterhin im Mittelmeer und die sogenannte Flüchtlingspolitik wies abermals Schwachstellen auf. Im September gab es einen großen Aufschrei als das Flüchtlingslager Moria lichterloh brannte. Auch heute, sechs Monate nach dem großen Brand, ist die Zerstörung und Verzweiflung groß, nur, dass deutlich weniger drüber geredet wird. Auf diese „andere Krise“ machen Seawatch.org, Seebrücke und andere NGOs weiterhin tatkräftig aufmerksam.

Auch Sticker werden nach wie vor verwendet, um Aufmerksamkeit zu schaffen

 

Die andere Krise 2.0

Um auf den scheinbar vergessenen Klimawandel aufmerksam zu machen, wurden trotz der Pandemie Veranstaltungen organisiert, besonders Anfang 2021 gab es neue Aktionen. So schlugen Klimaorganisationen, etwa in Augsburg und Hamburg, aber auch anderen deutschen Städten ihr Lager an wichtigen und öffentlichen Plätzen, wie zum Beispiel vor Rathäusern auf. Auch in Bremen gibt es seit Neustem ein sogenanntes „Klimacamp“ mit Forderungen, um die Relevanz des Klimawandels wieder in den Vordergrund zu rücken. Des Weiteren protestierten am 19.03.21 sowie an einigen Terminen zuvor große Massen an Menschen auf sogenannten „Global Climate Strikes“, die weltweit an die Krise erinnern sollten. Trotz Corona, und vielleicht gerade wegen der strengen Hygienemaßnahmen, die risikoarmes Demonstrieren ermöglichten, erschienen zahlreiche Aktivist*innen.

Und was ist jetzt die Antwort auf die Frage mit dem Engagement?

Klar ist, dass die Pandemie neue Diskurse in die Gesellschaft gebracht hat, von denen Organisationen unterschiedlich gut profitieren. Während der Klimawandel deutlich seltener in den Medien vorkommt, liegt der Fokus nun eher auf dem Bildungs- und Gesundheitssystem. Ebenso ist das Wirtschaftssystem in den Vordergrund gerückt: auf der einen Seite der verzweifelte Versuch, die Wirtschaft weiter wachsen zu lassen und alles dafür zu geben, wieder in einen Aufschwung zu kommen und auf der anderen Seite eine neue Perspektive, die infrage stellen lässt, inwieweit unser Wirtschaftssystem funktionsfähig ist.

Zwar waren die meisten Organisationen, NGOs und Parteitreffen aufgrund der Coronakrise im letzten Jahr eingeschränkt, das politische Interesse und der Wille sozial zu agieren sind jedoch nicht zurück gegangen – das wurde 2020 und Anfang dieses Jahres immer wieder deutlich.

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